OS: Alternative moral- und sozialphilosophische Entwürfe

16 07 2007

Schon vor gut zwei Wochen fand unter diesem Titel die diesjährige Klausurtagung des Oberseminars des Bamberger Lehrstuhls für Christliche Sozialethik auf Burg Rothenfels statt. Wie das immer so ist, komme ich aber erst jetzt gerade dazu, den entsprechenden Ordner über meinen Schreibtisch hinweg in die Ablage zu verarbeiten – und das ist auch notwendig, weil ich nämlich einiges an Anregungen mitgenommen habe, die nun in meinen Zettelkasten (Luhmanns Erklärung zu seiner allerdings nicht digitalen Variante hier) und meine Bibliographien eingearbeitet werden.

Wie der Titel schon sagt, ging es darum, sich mit verschiedenen moral- und sozialphilosophischen Entwürfen als wichtige Bezugspunkte sozialethischen Arbeitens auseinanderzusetzen. Eine solche Auseinandersetzung erscheint mir auch im Nachhinein gerade deshalb fruchtbar, weil in der Christlichen Sozialethik seit des Ende der 1980er beginnenden Turns weg vom Naturrechtsdenken hin zur Habermas’schen Diskurstheorie ein nicht unerheblicher Schwerpunkt in der Bezugnahme auf eben letztere zu erkennen ist. Dabei wird manchmal gern übersehen, dass auch die Diskurstheorie nicht frei von Problemen ist, die philosophische Debatte durchaus Alternativentwürfe anbietet und auch der wissenschaftlich-professionellen Auseinandersetzung mit diesen Entwürfen aus spezifisch christlichen sozialethischen Positionen heraus vielleicht (noch) nicht ausreichend Platz eingeräumt wird.

Im Oberseminar konnten wir uns natürlich nur mit einer Auswahl an Denkrichtungen und Protagonisten befassen. Zur Diskussion standen Anerkennungsphilosophie (Honneth), Sprachphilosophie (Tugendhat), Handlungsanalyse (Gewirth), Pragmatismus (Dewey) und Kommunitarismus (Taylor), die unter bestimmten Schwerpunkten und mit Blick auf den eventuellen Ertrag bzw. die Herausforderungen für eine christliche Sozialethik betrachtet wurden. Damit hatten wir uns ein spannendes aber auch anstrengendes Programm vorgenommen, das an vielen Stellen Diskussionspotential barg und uns deshalb gegen Ende auch einigermaßen in zeitliche Bedrängnis brachte, was den Gewinn aber nur peripher schmälerte. Wie heißt es doch so schön: Die aufgeworfenen Fragen sind oft wichtiger als die Antworten (wobei diese natürlich auch nicht ganz vergessen worden sind).

Als kleines inhaltliches Dessert, hier noch einige (vorläufige und rudimentäre) Anmerkungen zur Anerkennungsphilosophie Axel Honneths bezüglich Christlicher Sozialethik (weil halt meine Vorbereitungsgruppe für die Vorstellung seines Ansatzes zuständig war und ich den anderen nicht vorgreifen möchte) – wichtig war für uns dabei als Einstieg insbesondere die Dissertation von Axel Bohmeyer, in der sich dieser mit der Annerkennungsethik aus christlich-sozialethischer Perspektive beschäftigt. (Einen kurzen Überblick über die Annerkennungstheorie als solche habe ich versucht hier zu geben.)

  1. Im Rahmen der Annerkennungstheorie werden die motivationalen Voraussetzungen der Diskursethik in den Blick genommen und grundlegende Anforderungen für diese entwickelt.
  2. Mögliche Anknüpfungspunkte ergeben sich eventuell bezüglich der Diskussion um gerechte Teilhabe, durch die Anerkennung insbesondere auf der Ebene des Rechtes und der Solidarität erst ermöglicht wird (oder ermöglicht umgekehrt die Anerkennung die Teilhabe?); Voraussetzung hierfür ist natürlich auch eine angemessene Verteilungsgerechtigkeit, die bei bei Honneth im Übrigen etwas kurz kommt.
  3. Die Vorstellung vom Gerechten wird bei Honneth nicht nur durch die verrechtlichte Gesellschaft, sondern auch durch politische Wertegemeinschaft und emotionale Bindungen zwischen Personen entwickelt und durchgesetzt – es wird also eine personale Anthropologie entwickelt, die Individualethik mit Gemeinschaftsethik verbindet (Liebe, Recht, Solidarität); die Frage des Guten ist nicht ausgeklammert (wie etwa bei der Diskursethik).
  4. Offen bleibt die Frage: Wer ist im Rahmen der Theorie ein moralisches Subjekt? Nur derjenige, der Anerkennung im umfassenden Sinne erfährt oder jeder?

 

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