Solidarität und Toleranz – ein Versuch

Es ist mal wieder ein schönes Beispiel, wie schnell die Zeit vergehen kann, wenn sie gut ausgefüllt ist. Kaum bin ich am Montagmorgen Richtung Forum Sozialethik aufgebrochen, war es denn auch schon wieder vorbei – zwei Tage mit zumeist spannenden Vorträgen, Diskussionen und – für mich fast das Interessanteste – dem Kennenlernen einer ganzen Reihe von Menschen, die sich im deutschsprachigen Raum im Bereich der Sozialethik tummeln. Dafür bietet das Forum als Treffen junger Sozialethiker wirklich einen mehr als angenehmen und von negativen Attitüden freien Rahmen.

Inhaltlich hat die Tagung gezeigt, dass es so etwas wie ein klares und eindeutiges Verständnis der Begriffe Toleranz und Solidarität nicht gibt – weshalb auch am Ende der Tagung nicht versucht wurde mit Gewalt quasi einen Minimalkonsens herzustellen. Das ist bei solchen Begrifflichkeiten wohl auch weder möglich noch sinnvoll, wenn man nicht in inhaltsleeren und der Beliebigkeit Tür und Tor öffnenden Kurzdefinitionen landen will. Für mich stellt sich die ganze Sache in einem ersten Nachdenken (sicher unvollständig und auch reichlich unsystematisch) nach der Tagung wohl ungefähr so dar:

Da haben wir zum einen die Solidarität – in Kreisen christlicher Sozialethiker und aus der christlichen Soziallehre gut bekannt als ein aus der Personenwürde abgeleitetes Grundprinzip der Gesellschaftsgestaltung, das insbesondere die Gesellschaftsbezogenheit des Menschen anspricht und wohl am besten mit „gegenseitiger Verantwortung“ umschrieben werden kann. Es ist die „feste und beständige Entschlossenheit, sich für das ‚Gemeinwohl’ einzusetzen […], weil wir für alle verantwortlich sind“ (Sollicitudo rei socialis – Die soziale Sorge der Kirche. Enzyklika Papst Johannes Pauls II. (1987), Nr. 38). In diesem Sinne muss sich Solidarität zwangsläufig auf die Gesamtheit der Menschen beziehen. Seine normative Verankerung hat Solidarität dabei in der Frage der Gerechtigkeit bzw. in der Wahrnehmung von Ungerechtigkeiten, zumindest wenn man dieses als Maßstab für die Erlangung von Gemeinwohl in einem für alle akzeptablen Sinne ansieht. Personalität als argumentative Grundlage lässt eine andere Gemeinwohldefinition als das Streben nach gerechten Lebensbedingungen für alle Menschen aber wohl kaum zu. Soziologisch gesprochen könnte man diesen christlichen Ansatz wohl am ehesten mit Emile Durkheim als organische Solidarität bezeichnen, deren Grundlage das Bewusstsein des Aufeinanderangewiesenseins ist. Davon unterscheidet Durkheim die mechanische Solidarität als eine auf vorgegebene gemeinsame Merkmale einer Gruppe beruhende Spielart, die man auch als Klassensolidarität bezeichnen könnte (Arbeiter, Frauen usw.). In jedem Fall aber ist Solidarität „die Gesinnung einer Gemeinschaft mit starker innerer Verbundenheit“ (Vierkandt). Sie ist „das Zusammengehörigkeitsgefühl, das praktisch werden kann und soll.“ Dabei impliziert Solidarität ein Prinzip der Mitmenschlichkeit und konstituiert sich aus freien Stücken (Karl Otto Hondrich/Claudia Koch-Arzberger: Solidarität in der modernen Gesellschaft, Frankfurt a. M. 1994). Diese Freiheitlichkeit wird allerdings in der seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zu beobachtenden Institutionalisierung der Solidarität im Sozialstaat ein Stück weit dem einzelnen Individuum entzogen und in ihrem Ausmaß und ihrer Reichweite dem gesellschaftlichen Diskurs anheimgestellt. Wichtig ist, sich die eben aufgezeigte sozialethische und die gerechtigkeitspezifische Tragweite der Solidarität immer vor Augen zu führen um eine im umgangssprachlichen Gebrauch existierende Vermischung mit caritativ-mildtätiger Hilfsbereitschaft bzw. mit einer subjektiven Solidaritätsgesinnung (z.B. Nachbarschaftshilfe) zu vermeiden (vgl. Anzenbacher, Arno: Christliche Sozialethik. Einführung und Prinzipien, Paderborn u.a. 1998, S. 197).

Der zweite Begriff – „Toleranz“ – ist in der sozialethischen Diskussion sicher bei weitem nicht so präsent, im politischen Diskurs aber umso mehr – insbesondere dann, wenn Phänomene des Zusammenlebens in modernen pluralen Gesellschaften zur Sprache kommen. Das verwundert auch nicht, würde ich Toleranz doch grundsätzlich mit Rainer Forst allgemein bezeichnen als „das Dulden oder Respektieren von Überzeugungen, Handlungen oder Praktiken, die einerseits als falsch und normabweichend angesehen werden, andererseits aber nicht vollkommen abgelehnt und nicht eingeschränkt werden“ (Rainer Forst: Toleranz, in: Hans Jörg Sandkühler (Hg.): Enzyklopädie Philosophie. 2 Bde., Hamburg 1999, S. 1627–1632) – er steht damit in der Tradition von John Locke, welcher als erster in seinem „Brief über Toleranz“ (1685/86) ein an der Vernunft orientiertes Toleranzkonzept entwarf, das es verbietet den anderen zur Übernahme der eigenen Überzeugung mit Gewalt zu zwingen. Wichtig ist nach Forst aber offensichtlich zunächst einmal die Ablehnungskomponente, die Toleranz immer eingeschrieben ist. Erst auf dieser Grundlage einer grundsätzlichen Ablehnung kann dann entschieden werden, wem Toleranz entgegengebracht, wer also akzeptiert wird, obwohl dessen Entwurf eines guten Lebens – denn auf dieser Ebene befinden wir uns mit dem Toleranzbegriff – eigentlich Ablehnung hervorruft. Es handelt sich hier um eine sog. Koexistenz-Konzeption von Toleranz. In einem weiteren Sinn könnte in einer Respekt-Konzeption Toleranz mit entgegenzubringender Wertschätzung in Verbindung gebracht werden. Dies führt meines Erachtens aber nicht sehr weit, besteht doch dann die Gefahr, dass durch eine Toleranzhaltung in diesem Sinne Diskurse über Vorstellungen von gutem Leben und seine gesellschaftlichen Voraussetzungen bei einer weitgehenden Wertschätzung der Position des jeweils anderen in Gefahr laufen zu einem Ende zu kommen. Eine Auseinandersetzung hierüber muss meiner Ansicht nach aber trotz Toleranz nach wie vor möglich sein – vielleicht ist eine solche wertschätzende Haltung sinnvoller mit dem Begriff der Anerkennung bezeichnet. Nicht erspart bleibt einem in jedem Fall die Frage nach den Grenzen der Toleranz – was ist also noch akzeptabel und was empfindet man als derartig normabweichend, dass eine Toleranz nicht mehr möglich ist? Auf der Ebene der Gesellschaft kann dies nur durch entsprechende Diskurse immer wieder festgestellt bzw. verändert werden. Individuelle Toleranzgrenzen können davon natürlich differieren. Hieraus ergibt sich auch die Frage nach dem Umgang mit extremer Intoleranz. Ist Toleranz gegenüber Intoleranz möglich? Nimmt man Toleranz als notwendigen Grundwert in freien, pluralistisch ausgerichteten Gesellschaften, so kann die Antwort hierauf nur „Nein“ lauten. Mit Toleranz geht so die Nicht-Akzeptanz von Intoleranz Hand in Hand.

Evident bleibt nun noch die Frage nach dem Zusammenhang der beiden Begriffe. Mit großer Vorsicht könnte hier vielleicht gesagt werden, dass Toleranz als eine formale Voraussetzung für Solidarität, für solidarisches Handeln anzusehen ist. Nur mit jemandem den ich in seinem Lebensentwurf toleriere, kann ich auch solidarisch sein/handeln, wenn ich Ungerechtigkeiten teile oder erkenne (dies wäre eine weitere formale Voraussetzung für Solidarität). Von der Etymologie des Wortes Solidarität (lat. solidum = Boden, fester Grund) her könnte man auch mit Baumgartner formulieren: Solidarität ist zu verstehen „als das Bewusstsein, mit anderen auf demselben Boden zu stehen und sich in derselben Situation zu befinden, woraus die Forderung erwächst, entsprechend dieser Gemeinsamkeit zu denken und zu handeln“ (Baumgartner, Alois: Solidarität, in: Marianne Heimbach-Steins (Hg.): Christliche Sozialethik. Ein Lehrbuch, Bd. 1, Regensburg 2004, S. 283-292, hier. S. 283). Als fester Boden wäre dann die Toleranz anzusehen. Ein Zusammenhang, der Solidarität als Realisierung von Toleranz in Praxis ansieht, ist meiner Ansicht nach dagegen nicht ganz unproblematisch, läuft er doch Gefahr den Aspekt der Wertschätzung über Gebühr zu stärken.

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2 Antworten

25 09 2007
Nach der Tagung ist vor der Tagung at Forum Sozialethik

[...] Tagungsathmosphäre: Ich darf dazu Sebastians ausführlichen Blog-Eintrag zitieren: “zwei Tage mit zumeist spannenden Vorträgen, Diskussionen und – für mich fast [...]

10 10 2007
Eva Herman, die Medien und die Katholiken « blogmal

[...] aber prinzipiell kann man niemandem den Mund verbieten. Und sollte man auch nicht! Das Ende der Toleranz ist in einer demokratischen Gesellschaft eigentlich nur dann erreicht, wenn es um Intoleranz und um [...]

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