An diesem Wochenende habe ich die Biographie von Inge Jens, Frau des Schriftstellers und Hochschullehrers Walter Jens „Unvollständige Erinnerungen“ gelesen. Spannend und mit viel Esprit schreibt Jens – u.a. Herausgeberin der Tagebücher von Thomas Mann – aus ihrem Leben an der Seite eines zunehmend berühmten Mannes, deutlich verortet im linksintellektuellen Milieu der Bundesrepublik Deutschland. Der Titel ist dabei Programm: Es wurde offensichtlich nie angestrebt, ein ganzes Leben im Abriss darzustellen. Vielmehr hat die Autorin die Erinnerungen aus ihrem Leben aufgegriffen, die ihr am gegenwärtigsten erschienen. Spannend ist dabei immer wieder die Beobachtung des engen Beieinanderliegens von Erinnern und Vergessen, der nur noch partielle Zugriff auf das Leben, wie es einer über 80jährigen wohl nur noch möglich erscheint. Einzelne Begegnungen prägten sich offensichtlich intensivst ein, anderes verschwindet im Kommen und Gehen der Tage. Und so manches zeitlich weit entfernt Geschehene verbindet sich im Rückblick assoziativ zu einem in der jeweiligen Gegenwart wahrscheinlich so nie gedachten Ganzen. All die Schwierigkeiten selbst scheinbar geglückten Erinners werden hier deutlich: Meinungen und Einstellungen zu Ereignissen der eigenen Vergangenheit, die erst durch spätere Erfahrungen so geprägt wurden, wie sie einem nun im Rückblick präsent sind; das Vergessen und vielleicht auch bewusste und unbewusste Verdrängen weniger schöner Erfahrungen; und immer wieder die unglaubliche Selektivität eines solchen Rückblicks. All das zusammengestellt und präsentiert von einer Autorin, die dieses auch bei sich selbst beobachtet und reflektierend in Rechnung stellt.
Eines der interessantesten Kapitel des Buches handeln von Inge Jens Kindheit und Jugend im Nationalsozialismus. Sie scheint offensichtlich – obwohl zu diesem Zeitpunkt in der Schule und BDM-Führerin – von den politischen Entwicklungen und ihrer Brisanz kaum etwas mitbekommen zu haben, ja selbst den Ausdruck „Jude“, so schreibt sie, „den ich doch mit Sicherheit gehört haben muss, bleibt in den Erinnerungen an meine Kinder und Jugendjahre ein bloßes Wort, eine Vokabel ohne Kontext“ (29). Das ruft natürlich die Zweifler hervor, die eigentlich nicht glauben können, dass das wirklich so gewesen sei (so etwa Klaus Harpprecht in einer Rezension des Buches in der ZEIT) und irritiert wohl tatsächlich. Zumindest ist der Gedanke nicht ganz von der Hand zu weisen, dass hier auch Prozesse der Verdrängung eine Rolle spielen. Wenn ich aber nun ehrlicherweise selbst auf die für mich kaum 15 Jahre zurückliegende Jugendzeit denke, dann wird mir zum einen deutlich, wie viel – gerade an Einstellungen und Meinungen – ich schon heute kaum mehr erinnern kann, und wie wenig mir andererseits insbesondere mein Blick auf den politisch-gesellschaftlichen Kontext meines Erwachsenwerdens noch aus eindeutig eigener Erinnerung präsent ist. Daher neige ich dazu, ihrer Darstellung durchaus zu glauben und zu lesen als typischen Modus, mit dem man im späteren Leben auf seinen Jugendjahre (und vielleicht nicht nur auf diese) zurückblickt.
Mindestens ebenso interessant zu lesen sind die Erinnerungsbruchstücke aus ihrer Tübinger Zeit, dem Erleben der dortigen Studentenunruhen, der Friedensbewegung gegen den NATO-Doppelbeschluss in den 1980ern, in der sie und ihr Mann sehr aktiv waren usw. Nicht selten aber hätte ich mir gewünscht mehr und Genaueres zu hören, mit ihr intensiver auf die vielen Begegnungen mit bekannten Männern und Frauen (von Ernst Bloch bis Loriot) zurückblicken zu dürfen. Manches erlebt der Leser doch nur sehr flüchtig. Ausführlich und sehr anrührend gerade in der Ehrlichkeit sich selbst gegenüber ist demgegenüber die Beschreibung ihres Erlebens der zunehmenden Demenz von Walter Jens, des sich selbst Verlierens eines großen Denkers und für sie seit Jahrzehnten präsenten Diskussionspartner. Ein regelrechtes Gegenbild zur Arbeit an einer Autobiographie, wie dem vorliegenden Buch, in der ein Schreiber wohl auch immer im Rückblick auf sein Leben sich selbst sucht.
Das Resümee aber ist eindeutig: Ein lesenswertes, anregendes Buch über eine in ihrer Zeit wohl durchaus als ungewöhnlich zu bezeichnende Frau.
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