Aufbruch in neue pastorale Räume – Gemeinde entsteht durch Beziehungsräume, nicht durch geographische Begrenzungen

26 11 2008

In Hardehausen bei Paderborn fand am 21./22. November das dritte Symposion zur Pastoral auf dem Land statt. Für mich insbesondere deshalb eine spannende Geschichte, weil ich vor ca. zehn Monaten ins Vorbereitungsteam eingestiegen bin. Im Reigen der Veranstalter KLJB und KLB mit ihren Geschäftsstellen auf Bundesebene und in Bayern sowie dem Verbund der Katholischen Landvolkshochschulen hatte ich quasi die Rolle des Vertreters der KLJB Bayern. Zielsetzung des Symposions war es zunächst, eine gute Plattform der Vernetzung für all diejenigen zu schaffen, denen an einer Weiterentwicklung der Landpastoral gelegen ist.  Entscheidende Impulse konnten wir darüber hinaus wohl mit dem diesjährigen Thema „Gottes Räume – Räume der Menschen“ setzen, bei dem es uns letztendlich darum ging, die Ansätze des sog. „spatial turn“ in den Kultur- und Sozialwissenschaften für die (Land-)Pastoral fruchtbar zu machen. Dazu legte uns zunächst Franz Schregle, Referent für Gemeindeentwicklung in der Diözese Augsburg, sein Konzept „landschaftlicher Seelsorge“ dar. Ausgehend von den raumsoziologischen Überlegungen Martina Löws sowie von erfahrungsbezogenen Ansätzen in der Pastoral zeigte er, dass eine zeitgemäße Vorstellung von Räumen, in denen wir uns als Menschen bewegen, neben einem stabilen auch einen relationalen Raumbegriff braucht. Raum sei nicht nur eine geographische Größe, sondern entstehe vor allem durch Beziehungen zu anderen Menschen oder zu bestimmten Orten und somit durch soziale und kulturelle Prägungen. Darüber hinaus sei der Bezug zu bestimmten Räumen ein dynamischer und wechselvoller. Es brauche daher sowohl stabile Orte der Pastoral, in denen sich Menschen mit ihrem Glauben beheimatet fühlen können, als auch pastorale Angebote, die auf fließende und unstete Räume eingehen. Schregle rief daher dazu auf, die vom II. Vatikanum betonte Kategorie der „Zeichen der Zeit“ zu erweitern und in der jeder Pastoral notwendigerweise zugrundeliegenden Gesellschaftsanalyse nach den „Zeichen der Zeit und des Raum“ zu forschen. Eine der zentralen Ergebnisse der Tagung war dabei die Erkenntnis, dass Pfarreien leider allzu oft als geschlossene „Container“ erscheinen, in denen bestimmten Menschen und Ereignissen ein fester Platz zugewiesen wird. Allerdings ist das heutige Leben oft durch räumliche Bewegung und Prozesse der Veränderung geprägt. Dass dabei neue Glaubensorte entstehen und wieder verschwinden, sei in der Pastoral bisher aber noch kaum beachtet. Ähnliches gilt wohl auch für die neuen medialen Räume des Internet. Wie schwer man sich mit deren Erschließung nach wie vor tut, zeigte sich nicht zuletzt in einigen Tagungsbeiträgen, die eine grundsätzlich negative Konnotation dieser Räume nur mühsam kaschieren konnten.

Praktische Erfahrungen brachte Gisèle Bulteau, Beauftrage für die örtlichen Gemeinden im französischen Bistum Poitiers, ein. Dort entstehen Gemeinden (deren territoriale Ausgestaltung scheinbar sehr offen ist) durch die Berufung von je fünf Laien zu einem Pastoralteam, deren Aufgabe der Gemeindeleitung durch die Taufe und das sich darin konstituierende allgemeine Priestertum aller Gläubigen legitimiert ist. Priester bilden zusammen mit anderen Hauptberuflichen einen pastoralen Pool innerhalb eines Sectoires (einer größeren territorialen Einheit), aus dem heraus die Gemeinden nach Bedarf unterstützt werden und die Feier der Eucharistie gewährleistet wird. Dies erinnert meines Erachtens schon stark an das federführend von Paul Zulehner entwickelte Modell der „Pauluspriester“. Als grundsätzliches pastorales Programm formulierte die Raumdiskussion noch einmal der Osnabrücker Bischof Dr. Franz-Josef Bode, stellvertretender Vorsitzender der Pastoralkommission der Deutschen Bischofskonferenz: „Eine besondere Herausforderung für uns ist auf der einen Seite, eine Weite der Räume und der Gedanken zu ermöglichen, auf der anderen Seite aber auch die Nähe und Erreichbarkeit der Kirche für die Menschen zu gewährleisten.“ Über diese Herausforderung und Notwendigkeit, Orte der Gottesbegegnung im Spannungsfeld von Mobilität und Heimatgefühl zu schaffen, diskutierten die Teilnehmenden zwei Tage intensiv mit den Referenten und Referentinnen sowie in Kleingruppen. Eine verbreitete Einschätzung am Ende der Tagung spiegelt dabei wohl folgendes Fazit: „Der Geist Gottes kann auch ohne kirchliche Strukturen seinen Platz in den Menschen finden“. Dazu bedürfe es aber vor allem gegenseitigem Vertrauen – Vertrauen zwischen Bischöfen, Priestern und Laien, Hauptberuflichen und Ehrenamtlichen – und nicht zuletzt auch zu Gott.

Ich durfte im Übrigen neben Vorbereitung, Mitorganisation und diversen Moderationen einen Workshop zur biographischen Raumerfahrerfahrung durchführen, in dem wir zumindest anfanghaft der Frage nachgingen, inwieweit die Dimension der Zeit für die Kategorie des Raums Bedeutung besitzt. Darüber hinaus versuchten wir mit der Raumerfahrung der Menschen im Lauf ihrer Biographie methodisch zu arbeiten. Letztendlich war die „Zeit“ für eine wirklich intensive Beschäftigung mit diesen Fragen viel zu kurz, aber zumindest ein kleiner Einstieg konnte gelingen.

Mehr zur Reihe der Landpastoralen Symposien unter www.neu-land-kirche.de.


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Eine Antwort

26 08 2009
Kirchensterben « Gotteslob

[...] neue Chance begreifen, Beziehungsräume statt geografische Begrenzungen bilden, findet zum Beispiel Sebastian und liegt mit der Aufbruch-These ganz auf [...]

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