Gerade ist die letzte Folge der ZDF-Serie „Die Deutschen“ zu Ende gegangen. Und offensichtlich enden auch die prägenden Ereignisse deutscher Geschichte im Jahr 1918. Allerdings will ich hier keine überzogene Kritik an der Auswahl der dargestellten Episoden der deutschen Geschichte anbringen – da kann man immer unterschiedlicher Meinung sein. Vielleicht wäre es aber wirklich besser gewesen, einfach mehr als zehn Teile herzustellen und so den Zwang zur Reduktion etwas zu verringern. Exemplarisches Beispiel für diese Problematik war wohl wirklich diese letzte Folge: In 45 Minuten Wilhelmisches Zeitalter, Erster Weltkrieg und Revolution von 1918 ist schon ein bisschen viel. Insbesondere Letztere kam wie so oft und wie im kollektiven Gedächtnis der Deutschen im Allgemeinen doch arg kurz. Und dabei haben wir es hier doch mit der Gründung der ersten deutschen Demokratie zu tun. Doch aufgrund des unglücklichen Verlaufs der hier entstandenen Weimarer Republik scheint auch ihr Gründungsakt derart in Veruf geraten zu sein, dass man ihn letztendlich als nationale Identitätsstiftung nachhaltig negiert hat.
Ich finde es im Übrigen bemerkenswert, dass mit der Serie „Die Deutschen“ tatsächlich der Versuch unternommen wurde, eine nationale kulturelle Erinnerung zu befördern, die jenseits des Nationalsozialismus und des damit verbundenen vorwiegend negativen Gedächtnisses liegt. Die Art und Weise der Vermittlung empfand ich dabei als hervorragend und dem Medium Fernsehen sowie den heutigen Sehgewohnheiten angemessen, v.a. da sich die Serie trotz Bildgewalt durchaus zumeist um eine differenzierte Sicht bemüht und insbesondere in den früheren Jahrhunderten überwiegend Formulierungen verwendet, die deutlich machen, dass hier keine unzweifelhafte Wahrheit sondern eine aus Quellen konstruierte Sicht der Vergangenheit vorgestellt wird. Zugegeben hätte man das noch ein bisschen deutlicher machen können und z.B. durch Darstellung anderer Interpretationen der Vergangenheit die Gegenwartsgebundenheit einer Vergangenheitsperspektive noch klarer machen können. Einer Identitätsbildung durch Erinnerung wäre das natürlich abträglich.
Ich war auch ein bißchen verwirrt, dass nach 1918 eigentlich schluß war. Bemerkenswert ist in der Tat die aufs Nationale zielende identitätsstiftende Erinnerungsarbeit. Auf die Frage „Wer sind wir“ gibt es aber freilich ja noch andere Antworten als „die Deutschen“…
Wohl wahr. Nicht umsonst lief in den letzten Wochen auf ARTE die sechsteilige Serie „Wir Europäer“. Und auch damit haben wir wohl noch lange nicht das Ende der Fahnenstange bezüglich kollektiver Identitätsbildung erreicht. Interessant ist allerdings schon der Blick auf die Sendeplätze der beiden Serien und die(entsprechende?)Zuschauerresonanz. Irgendwie scheinen mir nationale Identitäten doch nicht so am Ende zu sein, wie des Öfteren behauptet. V.a. wenn man davon ausgehen muss, dass die politisch gewollte Erinnerungspolitik in Deutschland zumindest in ihrer Tendenz eher die Schaffung eines europäischen Bewusstseins befördern will – und sich das als sehr zähes Unterfangen herausgestellt hat.
Ich fand diese Sendereihe ziemlich ärgerlich:
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1. Thema verfehlt: „Wer sind, woher kommen wir?“ – die Deutschen als Volk kamen ja kaum vor! Wenn der Titel gelautet hätte: „Entwicklung des deutschen Föderalismus“, hätte ich das akzeptiert.
2. Die gesamte Art der Darstellung, besonders auch das peinliche Übergehen der Zeit nach 1918, erinnert mich an meinen Schulunterricht vor 60 Jahren!
Mehr dazu auf meinen Posts:
http://alteeule.blogage.de/entries/2008/11/19/Die-Deutschen-im-ZDF—eine-enttaeuschende-Sendereihe#comments
und
http://alteeule.blogage.de/entries/2008/11/25/Die-Deutschen-im-ZDF-Geschichtsunterricht-wie-vor-60-Jahren#comments
(Entschuldige, dass ich das so hinschreibe; ich komme bei mir mit den Trackbacks nicht zurecht
@eule: Ich glaube nicht, dass der Schulunterricht vor 60 Jahren so hätte sein können – wenn ich etwa an den doch differenzierten Blick auf Canossa denke (keine reine Demütigung, sondern vielleicht auch politisches Geschick). Aber du beziehst dich ja v.a. darauf, dass uns eine reine Geschichte großer Gestalten präsentiert wurde. Das kann mal tatsächlich hinterfragen. Allerdings wäre die Gefahr des Fiktionalen und der Konstruktion von Wahrscheinlichkeiten hier noch größer gewesen, einfach weil die Quellenlage für das „einfache Volk“ über viele Jahrhunderte schlecht oder zumindest nur sehr rudimentär ist. Wenn man wie „Die Deutschen“ sich auf die Suche begibt nach identitätsstiftenden Erinnerungen (auch dieses Vorgehen kann man natürlich hinterfragen, ebenso wie die konkret ausgesuchten Inhalte), dann ist eine gewisse Konzentration auf die „großen Gestalten“ durchaus folgerichtig. Denn in vordemokratischen Zeiten, waren es nun einfach mal diese großen Gestalten, die zumeist Politik gestalteten, die Entscheidungen trafen, welche auch auf die Einstellungen „einfacher Menschen“ zurückwirkten und die (zumindest bis zur Kulturgeschichtsschreibung des ausgehenden 20. Jh.) Bezugspunkte der Erinnerung (auch des einfachen Volkes) darstellten und das vielfach auch noch tun.
Dass wir uns heute so stark für das Leben der Menschen unterhalb von Königen und Fürsten interessieren, ist übrigens ein schönes Beispiel für die Gegenwartsgebundenheit von Geschichtsdeutungen: Ohne eine demokratische Gesellschaftsordnung würde uns diese Perspektive wohl bei weitem nicht so relevant erscheinen.