In der letzten Woche habe ich im Bildungshaus des Franziskanerklosters Schwarzenberg bei Scheinfeld an einer Fortbildung zur Gesprächsführung in der Beratenden Seelsorge teilgenommen.
Von Prof. Isidor Baumgartner aus Passau mit Unterstützung von Prof. Christoph Jacobs, Dr. Barbara Haslbeck und Hildegard Nobis geleitet, wurden uns die Grundlagen personenzentrierter Beratung nach Carl Rogers vermittelt. In einem hervorragenden Wechselspiel von Theorie und Praxis konnten wir ausführlich die Grundhaltungen des Beraters in der personenzentrierten Beratung – Einfühlung, Wertschätzung und Echtheit – sowie die Anleitung zur „Selbstexploration“ einüben. Selbstexploration meint dabei die Selbstbewusstwerdung/Selbsterkundung des Gesprächspartners im beratenden Gespräch. Denn Carl Rogers ging bei der Entwicklung seiner Theorie davon aus, dass die Fähigkeit zur Lösung fast aller Probleme fast immer im Menschen selbst liegt und dass es deshalb wesentlich vernünftiger sei, dem Menschen bei einer selbstständigen Problemlösung zu helfen als ihm Ratschläge zu geben. Hintergrund sind darüber hinaus konstruktivistische Einflüsse, nach denen sich die Wirklichkeitswahrnehmung von Mensch zu Mensch deutlich unterscheidet, ich also im Falle eines aus meiner Erfahrung und Wahrnehmung abgeleiteten Ratschlages nicht sicher sein kann, ob mein Ratschlag für den zu Beratenden auch wirklich der Richtige ist. Hinzu kommen Erkenntnisse von (im weitesten Sinne behavioristischen) Lerntheorien, nach denen der zu Beratende selbst bei einem sehr guten Vorschlag des Beraters nicht zwingend gestärkt aus einer solchen Situation herausgeht, da er implizit gelernt hat, dass er sich auf den Ratschlag eines anderen mehr verlassen kann als auf seine eigenen Problemlösungskompetenzen. Das erzeugt eine – in der Regel von beiden Seiten so nicht intendierte – Abhängigkeit. Nun hat ein solcher Ansatz sicher bei wirklichen psychischen Erkrankungen seine – auch von Rogers anerkannten – Grenzen. Im Beratungsgespräch, zur Ordnung diffuser Gedanken und Gefühle, zur Lösungssuche bei konkreten Problemen bis hin zur Unterstützung bei der Verarbeitung von Traumata kann diese Methode der Gesprächsführung aber sehr gute Dienste leisten und ist damit meiner Ansicht nach auch eine Grundfähigkeit zur guten Geistlichen Begleitung eines Menschen.
Mit verschiedenen Methoden und in wechselnden Gruppen lernten wir den anderen in seiner Wirklichkeit und auch uns selber wahrzunehmen, in Gesprächen hilfreich zu intervenieren, die oben genannten Grundhaltungen zu praktizieren, prozessbezogen zu beraten, die Ressourcen des Gesprächspartners zu stärken, ihm bei der Klärung und Bearbeitung von Problemen auf die geschilderte Weise zu helfen. Dabei hat mich nicht nur die didaktisch-methodische Kompetenz der Kursleitung – eine Teilnehmerin nannte es zutreffend einen „zweiten Lehrplan im Hintergrund“ – begeistert, sondern auch die unglaubliche Offenheit aller Teilnehmer. Und das, obwohl sich eine alles andere als homogene Gruppe zusammengefunden hatte. Vom ehemaligen Flugzeugkapitän, über die Leiterin einer Pension, Mitarbeitern von Verbänden, Ordensfrauen und -männern verschiedenster Ausrichtung bis hin zu Priestern und Priesteramtskandidaten hatte sich ein großes Spektrum von Menschen mit sehr unterschiedlichen Lebens- und Glaubensentwürfen versammelt. Das war spannend, zeigt einmal mehr wie plural auch die von außen oft als eherner Block wahrgenommene katholische Kirche im Innern ist und dass man mit dieser Pluralität allen innerkirchlichen Ängsten zum Trotz auch gut umgehen kann.
Ich kann diesen Kurs (der im Herbst noch eine Fortsetzung erfährt) nur jedem, der sich in der Geistlichen Begleitung, in den verschiedenen Bereichen einer diakonisch verstandenen Pastoral oder ganz allgemein in einem beratungsintensiven Kontext engagiert, wärmstens empfehlen. Nähere Infos gibt es hier.
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