Am vergangenen Wochenende war ich in der Evangelische Akademie in Tutzing auf einer Tagung unter dem Titel “Werteerziehung in der Schule”. Die Akademie liegt direkt am Ufer des schönen Starnberger Sees (dass es dort schön ist, weiß ich allerdings nur vom Hörensagen, gesehen habe ich nämlich ob Dauerregenwetter nicht allzuviel davon).
Die Vorträge des ersten Abends standen unter der Leitfrage, was denn nun eigentlich die Grundlage für eine Moralerziehung bei Kindern sei. Prof. Dr. Gertrud Nunner-Winkler, Soziologin aus München, stellte in ihrem in Höchstgeschwindigkeit gehaltenen Vortrag (“Ich hab ja nur so wenig Redezeit”) unter dem Titel “Wie kommt die Moral ins Kind” Ergebnisse verschiedener empirischer Studien zur Moralentwicklung von Kindern und Jugendlichen dar. Grundlegend konnte dabei festgestellt werden, dass das moralische Wissen der Kinder relativ früh relativ groß ist, wobei die Regeln des Zusammenlebens aus beobachtetem Verhalten (insbesondere von nahestehenden Erwachsenen) erschlossen werden. Als Lernmechanismen wurden die explizite Unterweisung, Aushandlungsprozesse sowie Sprachspiele (Kinder verbinden mit einem Wort, z.B. “Mord”, eine Wertung) nachgewiesen. Bestimmte Kontexte sind dabei mit ihren Auswirkungen auf die Entwicklung von moralischen Vorstellungen nach Nunner-Winkler systematisch zu unterscheiden:
- Familie – Insbesondere frühe Extremerfahrungen wie Gewalt oder “moralisches Heroentum” wirken prägend, während im “Normalbereich” der Einfluss der Familie nicht überschätzt werden dürfe, da bis zu zwei Drittel der Jugendlichen bis ins Alter von 22 starke Veränderungen in ihrem vom reinen Wissen über Normen und Regeln zu unterscheidenden moralischen Wollen durchmachen
- Freunde – Einfluss durch sich vom familiären Kontext unterscheidende Subkulturen, aber auch Steigerung der Rollenübernahmefähigkeit und Förderung einer konsensorientierten Konfliktbearbeitung
- Schulklima – Ein “pazifistisches Schulklima” erkläre (Nicht-)Gewalthandeln der Schüler besser als die Familienerfahrungen, da auch Kinder mit schlechten Familienerfahrungen in einem entsprechenden Schulklima weniger Gewalttätigkeit zeigen; wichtig sei dabei insbesondere ein normativer Konsens an der Schule
- gesellschaftlicher Kontext – Dies lässt sich insbesondere im Bereich der Geschlechterrollenzuschreibungen erkennen, in deren Rahmen Frauen in den europäischen Gesellschaften viele moralfördernde Zuschreibungen erfahren, Männer dagegen weniger – diese Zuschreibungen werden dann handlungsleitend in dem Maß, wie die jeweiligen Männer und Frauen sich mit ihren Geschlechterrollen identifizieren und bereit sind den gesellschaftlichen Rollenvorstellungen zu entsprechen
Wirklich Neues brachte dieser Vortrag also eigentlich nicht, jedoch legte er eine gute Grundlage für die weitere Behandlung der Thematik Diese wurde allerdings aufgrund des hektischen Vortragsstils wohl nicht jedem Konferenzteilnehmer in gleicher Weise zugänglich.
In einem zweiten Vortrag beschäftigte sich der Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann mit der Thematik “Eigensinn und Gehorsam – oder: warum der Ruf nach Disziplin beidem schadet”. Seine Grundthese lautete, dass Kinder quasi von Natur aus gehorsam sein wollen, da das Hinhören auf die Bezugspersonen sehr ursprünglich im Menschen verankert sei. Es komme daher darauf an, diesen grundlegenden Gehorsam nicht zu zerstören. Meine Kenntnisse in Entwicklungspsychologie reichen nun sicher nicht aus, diese These zu beurteilen, der pathetische und rhetorisch enorm versierte Redestil sowie kursorische und reichlich unspezifische Verweise auf eine Vielzahl von Autoren der abendländischen Geistesgeschichte seit Kant verursachten bei mir mit zunehmender Dauer des Vortrags aber dann doch erhebliches Unbehagen an den Ausführungen. Spätestens die abschließende globale Behauptung, der zu beobachtende Werteverfall in unserer Gesellschaft sei verursacht durch die “Gewalt einer digitalen Welt” da diese eine “Neigung zur Selbstentwertung” und eine “Angst vor der Realität” befördere, reizte mich aber dann doch zum Widerspruch: Alle vom Menschen hervorgebrachten Medien haben zunächst einmal den funktionalen Zweck einer Erweiterung der menschlichen Fähigkeiten (Ausweitung der Kommunikationsfähigkeit, Wissensspeicherung, Erinnerung …). Dies gilt vom mündlichen Sprechen über Rituale, Symbole, Briefe, Bücher bis hin zu den verschiedenen “neuen Medien” unserer Zeit. Das Wort “digital” beschreibt dabei erst einmal nicht mehr und nicht weniger als die Art und Weise der Übertragung von Informationen. Diese werden durch den digitalen Übertragungsweg nutzende technische Endgeräte auf unterschiedliche Art und Weise dargestellt. Normalerweise entweder in bildhaften Symbolen und (sich bisweilen bewegenden und akustisch unterlegten) Bildern oder Schriftzeichen oder in einer Mischung aus beiden. Symbole, Bilder, Geräusche und Schriftzeichen müssen dann vom Nutzer encodiert werden, sprich die Informationen müssen freigelegt werden, wie dies in ähnlicher Weise beim Lesen eines Buches, in einem Gespräch oder bei der Interpretation von Verkehrsschildern geschieht. Nun kann man vielleicht argumentieren, dass insbesondere durch bewegte Bilder hervorgebrachte oder unterstützte (fiktive) Narrationen aufgrund ihrer Suggestionskraft einen Realitätsverlust hervorbringen. Wenn dies aber so sein sollte (und diverse Untersuchungen zeigen eigentlich, dass es Kindern und Jugendlichen in der Regel problemlos gelingt, Realität und Fiktion auseinanderzuhalten; aufgrund eines besseren Gespürs für die Manipulierbarkeit von Bildern oft vielleicht sogar besser als Erwachsenen), dann ist das zunächst einmal ein Aufruf zu einer besseren Medienerziehung zur Verbesserung der Encodierfähigkeit. Mit der Frage nach Werteverlust oder Wertewandel hat dies wenig zu tun. Um hier gegenseitige (eher als komplex anzunehmende) Beeinflussungen aufzuzeigen, bedarf es einer kritischen Untersuchung der konkreten Inhalte konkreter Formate und keine Allgemeinverurteilung!
Der erste Vortrag am Samstag drehte sich dann um Konzepte der Werteerziehung aus ethischer Perspektive. Julia Dietrich vom Tübinger Interfakultären Zentrum für Ethik in den Wissenschaften (IZEW) problematisierte zunächst die große Offenheit und damit Ungenauigkeit des Begriffes “Wert” und leistete nebenbei eine längst überfällige definitorische Unterscheidung grundlegender Begriffe wie “Wert”, “Norm”, “Ratschlag”, “Recht”, “Pflicht” und “Tugend”. Aufgrund der aufgewiesen Schwierigkeiten in der Verwendung der Begrifflichkeiten plädierte sie daher für eine vorgelagerte Operationalisierung der einzelnen Werte als Grundlage eines Diskurses um deren Bedeutung, verbänden doch z.B. viele, die übereinstimmend den Begriff “Nachhaltigkeit” bzw. dessen Bedeutung problemlos als “Grundwert” ansehen würden, im konkreten Tun durchaus unterschiedliche Dinge damit. Diese Operationalisierung ist ein schwieriges und aufwändiges Vorgehen – Dietrich stellte es konkret als mindestens sechsstufigen Vorgang dar. Als Alternative schlug sie daher Modelle vor, die, vom jeweils konkreten Handeln ausgehend, moralische Begründungen für Handlungen bzw. Handlungsanforderungen ermöglichen. Allerdings befreit auch dies meiner Ansicht nach nicht von einem Diskurs darüber, welche Handlungen denn aufgrund welcher Begründung (gesellschaftlich) gewollt sind oder sein sollen.
Es folgte ein Vortrag von Dr. Christof Precht, Geschäftsführer des Ressorts Bildungspolitik, der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e.V., der die Gelegenheit nutzte, zumindest in Teilen wirklich bedenkenswerte Anfragen an das bayerische Schulsystem zu formulieren (z.B. Erziehungspartnerschaft zwischen Lehrern und Eltern, Gesamtplan für Schulentwicklung, Steigerung der Beobachtungs- und Diagnosekompetenz der Lehrer …) und für die diversen, durchaus geräuschvollen Veröffentlichungen der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft zur Bildungsthematik in den letzten Jahren zu werben. Der Bezug zum Thema Werteerziehung war dabei teilweise nur noch zu erahnen, der verwendete Wertebegriff wirkte insbesondere nach der Definitionsleistung im vorausgehenden Vortrag eher diffus (“Ich fang hier jetzt nicht an zu philosophieren, sondern ich machs konkret!”). Deutlich wurde auch, dass die Schüler in der Perspektive Prechts in erster Linie als zu erziehende Objekte und nicht als Subjekte des Bildungsprozesses zu verstehen sind.
Der Nachmittag gehörte dann sogenannten “best practice” – Beispielen. Vorgestellt wurde hier zum einen von Prof. Dr. Lothar Kuld, Pädagogische Hochschule Weingarten, das Projekt Compassion, bei dem Schüler und Schülerinnen in einem zweiwöchigen Sozialpraktikum die Vielfalt und Verletzlichkeit des menschlichen Lebens kennenlernen und die Einsicht in die Sinnhaftigkeit von sozialem Engagement und das “Mitleiden” (compassion) mit den Schwachen der Gesellschaft gestärkt werden sollen. Zwei Schülerinnen berichteten auf durchaus ergreifende Weise von den positiven Erfahrungen, die sie mit diesem Projekt machen konnten. Ein weiteres Projekt kreiste um die die Thematik “Schüler übernehmen Verantwortung”.
Das Abendprogramm wurde gestaltet von Dr. Dr. Rainer Erlinger, Arzt, Rechtsanwalt und “Gewissenskolumnist” des SZ-Magazins. Er erfreute mit einer ganzen Reihe nachdenklicher aber auch lustiger “Gewissensfragen” der SZ-Leser samt seinen Antworten darauf und zeigte dabei wie man auch mit einer reinen “Fallethik” zu moralisch begründeten Entscheidungen bei schwierigen “Gewissensfragen” kommen kann. Angesichts der Tatsache, dass er bis zu zwei Wochen in die Bearbeitung einer Frage investiert, scheint dieses Vorgehen für den schulischen Kontext aber doch etwas aufwendig.
Der Sonntag brachte dann noch einen letzten wirklich spannenden Vortrag, zu dem ich einfach mal aus Melanies Blog zitieren möchte:
Das dritte Highlight stellte für mich der Vortrag von Prof. Ursula Boos-Nünning dar, welche über Werthaltungen und Einstellung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund sprach. Die Wichtigkeit dieses Themas zeigt sich an aktuellen Statistiken: In den Großstädten Westdeutschlands haben bereits über 50% der Jugendlichen einen Migrationshintergrund. Drei besondere Kennzeichen stellte Boos-Nünning vor, welche viele dieser Jugendlichen hinsichtlich der Einstellungen besonders von einheimisch-deutschen Jugendlichen unterscheiden (wobei hier eigentlich noch einmal deutlich nach dem kulturellen Hintergrund differenziert werden muss):
- Der Familiarismus – also die Übereinstimmung von Bedürfnissen und Werten des Individuums mit den Bedürfnissen und Werten der Familie – ist insbesondere (aber nicht nur) in türkischen Familien ein gängiges Muster. Dieses gilt es in der Arbeit mit den Jugendlichen sensibel wahrzunehmen und nicht vor dem Hintergrund des eigenen Individualismus abzuwerten. Gerade der Dialog mit den Familien scheint für Lehrer in vielen Fällen unumgänglich zu sein.
- Hinsichtlich ihrer sexuellen Orientierung sind vor allem Jugendliche mit türkischem und jugoslawischen Hintergrund “konservativer” als einheimisch-deutsche Jugendliche. Auch dies, so Boos-Nünning, gelte es zu akzeptieren und vor allem im Kontext von Sport, Kunst, aber auch im Sexualkundeunterricht zu berücksichtigen, um die Jugendlichen nicht leichtfertig zu verletzen und Vertrauen (auch der Familien!) zu zerstören. Für die Schule braucht es gerade in den erwähnten Fächern eine neue, interkulturelle Didaktik.
- Auch die religiösen Orientierungen sind bei vielen Jugendlichen mit Migrationshintergrund wesentlich stärker ausgeprägt als bei ihren einheimisch-deutschen Altersgenossen, welche nur zu einem Viertel überhaupt an einen personalen Gott glauben. Daher stehen sich hier weitgehend nicht religiös sozialisierte stark religiös gebundenen Jugendlichen gegenüber (unabhängig von Religion oder Konfession). Auch hier gilt es, sensibel zu sein, Kränkungen zu vermeiden und das Potenzial zum Dialog wahrzunehmen.
Alles in allem eine interessante Tagung, auch wenn bisweilen etwas der rote Faden abhanden kam. Fragen wie “Was sind Werte?”, “Wie kann ich sie begründen?”, “Braucht es einen bestimmten Wertekanon”, “Wie kann Werteerziehung bzw. Wertebildung in der Schule gestaltet werden” harren zwar nach wie vor einer Lösung (alles andere wäre ja auch verwunderlich), aber ein Nachdenken darüber und ein Bewusstsein dafür, dass die ganze Sache mit den Werten und ihrer Vermittlung nicht so einfach ist, das hat die Tagung sicherlich bei manchem der über 100 Teilnehmer (in der Mehrzahl Lehrer) ausgelöst.
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[...] Wer noch ausführlicher etwas zur Tagung wissen will, kann einfach mal auf Bastis Blog schauen! 1 Kommentar bis jetzt Einen Kommentar [...]