Besprechung – Kunze, Axel Bernd: … in Frieden scheiden. Das Memento mori in der Feier der Tagzeiten, Marburg 2006.

15 10 2007

kunzemementomori.jpgDer Gedanke an Tod und Sterben ist in unserer Gesellschaft nicht sonderlich en vogue. Selbst bei nahen Angehörigen scheut man sich, Sterbenskranke zu besuchen (in Krankenhäuser oder Altenheimen, wo sie „professionell“ umsorgt werden), versucht man möglichst wenig Zeit für Beerdigungen aufzuwenden, lange Trauerzeiten kann sich kaum jemand mehr leisten und werden vom sozialen Umfeld auch nicht mehr verstanden. Mit dem eigenen Tod möchte man sich schon gleich gar nicht auseinandersetzen. Und doch erscheint er letztendlich als unausweichliches Schicksal eines jeden Menschen. Memento mori – Bedenke, dass du sterben musst! Mit der Beschwörung dieses bereits in der Antike gebräuchlichen Ausdrucks (bei Triumphzügen römischer Feldherren ermahnte auf diese Weise ein Sklave dem siegreichen General permanent seiner Grenzen) versucht Axel Bernd Kunze in seiner nun in leichter Überarbeitung vorliegenden Diplomarbeit aus dem Jahr 2001 gegen das Todesvergessen unserer Zeit anzuschreiben. Er tut dies exemplarisch an der Feier der christlichen Tagzeiten, in deren Liturgie er das Memento mori an prominenter Stelle zum Tragen kommen sieht. „Dabei soll auch gefragt werden, wie die Tagzeiten, die vom letzten Konzil wieder als Feier der Gemeinde entdeckt worden sind, dazu beitragen können, dieses Element christlicher Spiritualität wieder stärker in die Gemeinde hineinzutragen“ (S. 13) …

Die Arbeit setzt ein mit einer allgemeinen Einführung in die Tagzeitenliturgie, in welcher der Autor auch sein zugrunde gelegtes Liturgieverständnis als „kommunikative Zeichenhandlung” verdeutlicht und betont, dass er die Tagzeitenliturgie als „vorrangig gemeinschaftlich zu feiernde(r) Gemeindeliturgie“ (S. 26) im Sinne der Neuordnung durch das II. Vatikanum verstanden sehen will. Es folgen unter den Kapitelüberschriften „Memento mori und Ars moriendi“ sowie „Memento mori und Tagzeitenliturgie“ grundlegende anthropologische (menschliche Frage nach dem Tod, menschliches Zeitempfinden) und schöpfungstheologische (Schöpfungslob als zentrales Element der Tagzeitenliturgie) Vorüberlegungen, ohne dabei eine umfassende philosophische Erörterung oder eine Aufarbeitung der empirischen Daten über Tod und Sterben in der heutigen Gesellschaft anzustreben. Eine Zusammenschau zentraler biblischer und dogmatischer Aussagen über den Tod schließt sich an. Insbesondere die Psalmen als „Herzstück der Stundenliturgie“ finden hier besondere Berücksichtigung. Den Hauptteil der Arbeit bestreitet Kunze mit einem bei der Vesper einsetzenden ausführlichen chronologischen Durchgang durch die einzelnen Tagzeiten sowie durch die besondere Gestaltung der einzelnen Tagzeiten im Jahreslauf. Überzeugend kann er dabei durch Analyse der jeweiligen liturgischen Texte herausarbeiten, wie omnipräsent der Gedanke des Memento mori aufgrund der symbolisch-metaphorischen Verquickung von Nacht, Schlaf und Tod insbesondere in der Komplet und zum Teil auch in der Vesper ist, wie schwierig sich die Vermittlung dieses Zusammenhangs aber auch ob der Verwischung der Grenzen von hell und dunkel durch das elektrische Licht in der heutigen Gesellschaft darstellt. Gerade bei der Analyse von Laudes und „Mittleren Horen“ drängt sich dem Leser allerdings doch zunächst die Frage auf, wo hier das Memento mori tatsächlich zum tragen kommt und ob aufgrund dessen eine Analyse der fakultativen und obligatorischen Bestandteile der Stundengebete wirklich in der dargebotenen Ausführlichkeit notwendig gewesen wäre. Interessant als allgemeine Einführung in die Tagzeitenliturgie ist das dennoch allemal. Abgerundet wird dieser Überblick durch zwei Exkurse zur Volksfrömmigkeit und zur Totenwache zwischen Todes- und Begräbnistag. Kunze weist hierbei darauf hin, wie das Memento-mori-Motiv auch in Formen der Volksfrömmigkeit, etwa im Kreuzweg der österlichen Fastenzeit, deutlich zum tragen kommt. Der zweite Exkurs zur Totenwache eröffnet einige Aspekte bezüglich des Umgangs mit dem Tod und der Verarbeitung des Totes eines Angehörigen – der Autor plädiert sehr stark für eine neue Stärkung dieser Form, da Hinterbliebene dieser Zeit der Verabschiedung bedürfen. Unklar bleibt hier allerdings die Einordnung in den Kontext Tagzeitenliturgie.

Neben der bereits genannten metaphorischen Vergegenwärtigung des Todes in Vesper und Komplet macht die Arbeit auch aufmerksam auf weitere Sinnlinien, die den individuellen Tod in die christliche Heilsgeschichte einordnen. Im Blick auf die tägliche anamnetische Vergegenwärtigung des Paschamysteriums (Tagespascha) in der Tagzeitenliturgie kommt im Zusammenhang mit Sterben und Auferstehung Jesu auch der eigene Tod in den Blick (z.B. in der morgendlichen Laudes, an Sonntagen oder in der Osterzeit). Ferner kennen die Texte der Tagzeitenliturgie viele (oft eschatologisch ausgerichtete) Metaphern, in denen ein Memento mori mitschwingt: „das neue Jerusalem, Gemeinschaft der Heiligen, Aussaat und ewige Ernte, das himmlische Hochzeitsmahl, das himmlische Vaterhaus, das Land der Verheißung usw.“ (S. 136). Mit Blick auf diese Erkenntnis gewinnt auch die auf dem ersten Blick irritierend langatmige Besprechung der Tagzeitenliturgie jenseits von Vesper und Komplet ihre Berechtigung.

Kunze endet mit der Skizzierung einiger pastoralliturgischer Schlussgedanken: Wie kann das Memento-mori-Motiv der Tagzeitenliturgie in das Leben der Gemeinde mit ihren unterschiedlichen Handlungsfeldern Liturgie, Pastoral und Diakonie eingebunden werden? Die Arbeit bleibt hier etwas allgemein, erhebt allerdings auch keinen weitergehenden Anspruch. Das hätte den Rahmen einer Diplomarbeit wohl auch gesprengt. Deutlich gemacht werden konnte allerdings durchaus, dass ein Aufgreifen der Thematik des Memento mori von der gegenwärtigen Realität der Gemeinden ihren Ausgang nehmen muss und dass die Tagzeitenliturgie hierfür Anlässen bieten kann: „Dabei lässt die Feier der Tagzeiten den Betenden mit der Mahnung an die Endlichkeit nicht allein. Sie nimmt ihn hinein in den Traditionsstrom der betenden Kirche und in die heutige Gemeinschaft der Glaubenden. Die Tagzeiten sind tägliche Feier und Aktualisierung des Paschamysteriums, in dem der Mensch dem österlichen Gott begegnet. In der Auferweckung seines Sohnes haben wir das feste Vertrauen, dass sich auch an uns das Wort Jesu erfüllt: ‘Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird in Ewigkeit nicht sterben’ (Joh 11,24f.). Diese Hoffnung verkündet und nährt die Feier der Tagzeiten immer wieder – in den dunklen wie hellen Stunde unseres Lebens, in Lob und Klage, in Dank und Bitte.“ (149f.).

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