Nachdem sich gestern und heute die Agenturen mit Meldungen über Eva Herman mal wieder überschlagen haben, kann ich nicht anders, als nun auch einmal ein paar Bemerkungen loszuwerden:
- Das Familienbild, das Frau Herman vertritt und das gemeinhin als traditionell bezeichnet wird, hat maximal 200 Jahre auf dem Buckel. Es ist während des Aufstiegs des Bürgertums zu Beginn des 19. Jh. entstanden und hat sich insbesondere mit dem Merkmal einer nicht-arbeiten-müssenden Frau im Lauf des 19. Jh. zu einem Standeszeichen des gehobenen Bürgertums entwickelt (der Mann verdient so viel, dass Frau und Kinder im Gegensatz zum Großteil der Arbeiter und des Kleinbürgertums nicht arbeiten müssen). Als zu Beginn des 20. Jh. auch die Arbeiter einen enormen sozialen und v.a. wirtschaftlichen Aufstieg erfuhren (der sich bis in die Zeit nach dem 2. Weltkrieg hinzog), hatten sie dieses bürgerliche Familienbild als anzustrebendes Ziel vor Augen. Erst in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg hat es sich als das “normale” durchgesetzt. Dementsprechend waren auch die Arbeitslöhne bis in die 1970er so beschaffen, dass ein Mann mit seinem Gehalt in der Regel eine ganze Familie ernähren konnte. Als dieses (”traditionelle”) Familienbild in der Folge der 1968er zunehmend in Frage gestellt wurde, ging damit auch eine Einkommensentwicklung einher, die es heute in großen Teilen der Gesellschaft unmöglich macht, das Alleinversorgerprinzip in einer Familie zu leben (aber diese Erfahrung hat Frau Herman vermutlich einfach nie gemacht).
- Die Vorstellung, dass Kinder insbesondere dann eine ideale Erziehung und Förderung erhalten, wenn die Mutter zuhause bleibt, zeigt die zutiefst bürgerliche Herkunft dieses Familienmodells. In einigermaßen geregelten finanziellen und sozialen Verhältnissen mag die Beziehung zwischen Kind und Eltern wirklich die förderlichste sein (auch wenn selbst hinter “gutbürgerlichen Fassaden” sicher lange nicht alles Gold ist was glänzt), in prekären Familiensituationen (die im Übrigen gar nicht so einfach und allgemein zu bestimmen sind) ist dies oft nicht der Fall. Die Frage nach der Abgrenzung zwischen öffentlichem und privatem Raum, zwischen der Verantwortung des Staates und der (Allein-)Verantwortung der Familie für den ihr eigenen Bereich muss unter diesem Aspekt zumindest immer wieder neu gestellt werden. Ganz nebenbei: Zwar ist das Modell der Vater-Mutter-Kinder-Familie sicher noch das dominierende in unserer Gesellschaft, aber schon lange nicht mehr das allein vorherrschende. Was ist etwa mit allein erziehenden Frauen (und Männern), die arbeiten müssen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen? Diese müssen für ihr Kind oft Betreuungs- oder Erziehungsangebote wahrnehmen. Sind sie deswegen schlechtere Eltern? …
- Entspricht eine Perspektive, die Frauen ihre (naturgegebene?) Rolle in Haushalt und Kindererziehung zuweist und Männer als Ernährer definiert, eigentlich der Menschenwürde? Oder werden hier nicht implizit Freiheitsrechte (die sich argumentativ und auch nach unserem Grundgesetz aus der Menschenwürde ergeben bzw. diese gewährleisten) in Frage gestellt, die die u.a. auch im Personalprinzip der christlichen Soziallehre implizierte Forderung nach Selbstentfaltungsmöglichkeiten für jeden Menschen erst ermöglichen? In erster Linie sind hier sicher die Rechte von Frauen betroffen, aber auch die von Männern, die z.B. in der Kindererziehung tätig werden wollen.
- Die Medienschelte, die momentan auf Eva Herman niederprasselt hat weniger mit ihren wohl nur halb durchdachten Familienideen zu tun, sondern mit ihrem Vergleich mit der Nazi-Familienpolitik. Nun ist dieser Vergleich sicher weder glücklich noch treffend und ihre Weigerung sich eindeutig davon zu distanzieren macht die Sache auch nicht besser, nur: Seine Meinung sagen darf man in diesem unseren Land ja eigentlich schon. Man muss dann im Zweifelsfall mit Widerspruch rechnen (wie in 1-3 von mir), aber prinzipiell kann man niemandem den Mund verbieten. Und sollte man auch nicht! Das Ende der Toleranz ist in einer demokratischen Gesellschaft eigentlich nur dann erreicht, wenn es um Intoleranz und um den Ausschließlichkeitsanspruch einer Meinung geht – Intoleranz ist nicht zu tolerieren: Neonazis würde ich durchaus hier einordnen, Frau Herman trotz ihres Vergleiches nicht. Von daher wirft dieser Fall auch ein sehr fragwürdiges Licht auf unsere Medienlandschaft, die – so ganz nebenbei – auch insgesamt kaum die Thesen von Frau Herman diskutiert sondern eben nur ihren sonderbaren Vergleich. Nun mag argumentiert werden, dass man halt bringe, was der Zuschauer sehen will – und das seien eben nun mal Skandale und zugespitzte Meinungen, in Ordnung ist das ob der wichtigen Funktion von Medien in unserer Gesellschaft und für die heutige Demokratie nicht. Die Frage nach der Verantwortung der Medien (und der Mediennutzer) lässt sich anschließen.
- Auf dem Fuldaer “Forum deutscher Katholiken” wurden die Ausführungen Hermans beklatscht und in nicht wenigen Presseartikeln hieß es danach mit kritischem Unterton, dass “die” Katholiken Eva Herman unterstützen. Nun ist das unter dem Aspekt der Meinungsfreiheit aus oben genannten Gründen ja eigentlich auch gar nicht schlimm – auch Katholiken dürfen eine Meinung haben. Kritisieren kann man höchstens die inhaltlichen Implikationen dieser Meinung. Dass ich die Meinung von Herman mindestens für anfragenswert halte, habe ich nun oben ja schon deutlich gemacht. Da ich aber auch Katholik bin und ein engagierter noch dazu, ist dies ein kleiner Beweis für die auch ansonsten kaum zu negierende Tatsache, dass es “die Katholiken” nicht gibt. Auch in der katholischen Kirche haben, ob das manch Kirchenoberer nun will oder nicht, der Pluralismus und die Postmoderne Einzug gehalten – und die festzustellenden Differenzierungen sind mit den Adjektiven progressiv und konservativ (dort sortieren sich etwa auch die Initiatoren des Forum deutscher Katholiken ein – die im Übrigen weder alle Katholiken Deutschlands repräsentieren noch in Fulda einen Kirchentag abgehalten haben) ganz sicher nicht erschöpft. Dass “die katholische Kirche” der Meinung von Frau Herman sei, ist also schlicht und ergreifend eine Falschmeldung. Vermutlich schimpft man in den Medien halt gern auf die katholische Kirche und diese gilt ja sowieso per se als konservativ (zugegeben, einige “Lautsprecher” unter den Bischöfen, wie die “Zeit” sie in ihrer letzten Ausgabe nennt, gießen auch kräftig Wasser auf diese Mühlen).
- Der “Zentralrat der Juden” erregt sich über den Applaus für Herman vor allem vor dem Hintergrund, dass sich die katholische Kirche in letzter Zeit einiges an “Fehlverhalten” erlaubt habe. Genannt werden dann u.a. Meißners “entartete Kunst” und kritische Aussagen deutscher Bischöfe zur israelischen Besatzungspolitik. Nun ist zunächst einmal zu fragen, mit welcher Autorität der Zentralrat etwas als “Fehlverhalten” wertet. Man kann anderer Meinung sein, sich über etwas sogar aufregen, aber ein Fehlverhalten kann meiner Ansicht nach nur von einer unbezweifelten moralischen oder jurisdiziablen Autorität ausgesprochen werden – der Zentralrat der Juden ist keines von beiden. Des Weiteren wirft der Zentralrat doch hier höchst unterschiedliche Dinge in einen Topf. Hermans Vergleich und Meißners Wortwahl sind problematisch, weil sie an die Zeit des Nationalsozialismus denken lassen und viele Juden damit an ein an ihrem Volk begangenes Unrecht erinnern mögen, die Kritik an der israelischen Besatzungspolitik ist dagegen eine Menschenrechtsfrage, die aus christlicher Sicht thematisiert werden kann und muss und nebenbei in einem fragwürdigen Verhältnis zu den Unrechtserfahrungen steht, die das jüdische Volk in der Vergangenheit selbst gemacht hat (eigentlich sollte man gerade deshalb beim jüdischen Volk eine erhöhte Sensibilität für Menschenrechtsfragen erwarten).
Ach ja, zum Rauswurf Eva Hermans bei Johannes B. Kerner gestern abend. Da ich die Sendung nicht gesehen habe, kann ich mich dazu selbst nicht äußern. Ein interessanter Kommentar aus medienkritischer Sicht dazu allerdings bei Sendungsbewusstsein, weitere hier und hier.
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http://www.evaherman.net/
http://evahermanfanclub.foren-city.de
[Die Kommentierung mit diesen beiden Links wurde von mir erlaubt, auch wenn ich normalerweise eine kommentarlose Linkangabe nicht so gerne sehe. Es handelt hierbei um Pro-Eva-Herman-Pages, die - zumindest im Fall des ersten Links - eine öffentliche Solidaritätsaktion mit Eva Herman betreiben (der zweite Link hat bei mir ewig geladen - das ist nicht so toll). Im Sinne der Meinungsfreiheit will ich so eine Verlinkung nicht verhindern, würde mir aber wünschen, dass beim nächsten Mal der Kommentator selbst etwas zu den Links schreibt und ich mir diese Mühe sparen kann; SZ]
Sehr geehrter Herr Zink, die Links haben nicht die Betreiber besagter Webseiten bei Ihnen hinterlassen, sondern ich. Natürlich haben sie recht, daß ich etwas Erklärendes hinzuschreiben hätte sollen. Ich dachte, dies würde sich nach Ansicht der Seiten (die beide nichts miteinander zu tun haben) selber klären. In dieser Hinsicht war natürlich mein Name “Initiative” etwas irreführend, da es eher auf mein Engagement bezogen war. Vielleicht schließen Sie sich nochmal mit Herrn Müller kurz, damit Ihr Eintrag etwas zu seinem Gusten modifiziert wird, denn er kann wirklich nichts dafür, daß andere für seine Gute Sache werben. Ich denke aber, daß ihm wenig Zeit bleibt, seine Soli-Liste auch publik zu machen, daß er selten per Email zu erreichen ist.
MFG