Nachdem es schon gestern einiges an durchaus interessanten Vorträgen und Diskussionen zu hören gab, wurde heute die Tagung “Kultur als Arbeitsfeld und Arbeitsmarkt für Geisteswissenschaftler” mit vier Referaten fortgesetzt, die sich nicht so ganz einfach unter eine inhaltliche Überschrift setzen ließen. Am ehesten dazu geeignet wäre vielleicht noch der Titel der Abschlussdiskussion “Ausbildung von Geisteswissenschaftlern und der Arbeitsmarkt Kultur – zwei getrennte Welten” (Ich für meinen Teil hätte hinter diese Aussage – anders als im Tagungsprogramm geschehen – wohl zumindest noch ein Fragezeichen platziert).
Zunächst aber stellte Dr. Karin Drda-Kühn, Vorstandsvorsitzende des Vereins für Kultur und Arbeit e.V., Mainz (Träger des kulturellen Serviceportals www.vertikult.de) eine Reihe anhand des Serviceportals gewonnene empirische Daten zum Arbeitsmarkt für Geisteswissenschaftler vor. So konstatierte sie, dass sich im öffentlichen Dienst Arbeitsplätze für Geisteswissenschaftler kaum vermehren und zumeist auch nur befristet besetzt werden. Neue Arbeitsplätze entstünden dagegen vor allem in privatwirtschaftlichen Unternehmen der Kulturwirtschaft. Arbeitsfelder der Zukunft seien hier insbesondere der Kulturtourismus, Kultur und Alter, kulturelle Bildung bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund, Personalentwicklung, Medienwirtschaft, Wissensmanagement, Wissens- kommunikation usw. Nach den Ausschreibungstexten zu urteilen beinhalten die Anforderungen der Unternehmen an Geisteswissenschaftler zunächst eine gute akademische Fachqualifikation als Grundlage und Voraussetzung sowie weitergehende Kompetenzen. Zu nennen wären hier Projekt- und Finanzmanagement, Presse-/Öffentlichkeitsarbeit, weitere Sprachkenntnisse über Englisch hinaus, unternehmerische Sensibilität/Kenntnisse, Mobilität, Kenntnisse in den Informationstechnologien, Kenntnisse in Fördermittelbeschaffung/ Drittmittelaquise/ Fundraisung – alles in allem “kann das kein junger Mensch auf einmal mitbringen – zumindest nicht auf einem einigermaßen qualitätvollem Niveau“. Drda-Kühn fordert allerdings, dass die Hochschulen diese herausdestillierten Anforderungen zumindest reflektieren und ihnen in einem wie auch immer gearteten integrativen Ansatz versuchen in ihrer Lehre zu entsprechen. …
Eben diese Seite der Hochschulen kam in den nächsten beiden Referaten zu Wort. Prof. Dr. Roland Kanz, Lehrstuhl für allgemeine Kunstgeschichte am Kunsthistorischen Institut der Universität Bonn, und Prof. Dr. Ingo H. Warnke, Lehrstuhl für Germanistische Linguistik der Universität Bayreuth und Mitglied des erweiterten Vorstandes des Philosophischen Fakultätentages, schilderten jeweils aus der Sicht ihres Faches, welche Qualifikationen geisteswissenschaftliche Absolventen in den Universitäten erlernen und welche dort nicht gelernt werden können. Prof. Kanz skizzierte dabei den Kunsthistoriker als Experten für kulturelles Erbe sowie Versuche, in das Studium auch stärker berufsbildende Elemente zu integrieren – dem seien allerdings durch die engen Vorgaben der Bildungspolitik durchaus Grenzen gesetzt. Dagegen betonte Prof. Warnke die Stellung des Germanisten als Spezialisten mit Textkompetenz, der gerade durch diese Spezialisierung zu einem generalistisch einsetzbaren Berufsanfänger wird. Problematisch sieht er die Auflistungen diverser Schlüsselqualifikationen in neuen Studienordnungen, die in ihrer Allgemeinheit oft schon fast lächerlich wirkten – “die erwarte ich eigentlich vom Hotelier genauso wie vom Ingenieur”. Dazu brauche es nun wirklich kein geisteswissenschaftliches Studium.
Im letzten Vortrag führte Wolfgang Schmitz (Hörfunkdirektor des WDR) schließlich in die Welt der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten. Er betonte die hohe Notwendigkeit von Geisteswissenschaftlern in einer großen Bandbreite von Berufen des journalistischen Bereiches, und zwar nicht selten genau wegen ihrer jeweiligen fachlichen Expertise, machte aber zugleich deutlich, dass ohne erste journalistische Erfahrungen vor oder während des Studiums kaum eine Chance auf einen Volontärsposten bestehe.
Sehr emotional wurde es noch einmal in der Abschlussdiskussion als das Gespräch auf die neu eingeführten modularisierten Studiengänge kam. Übereinstimmend berichteten Studierende und Lehrende, dass durch die große Dichte und den hohen Prüfungsdruck kaum Zeit zur Durchdringung der Themen bleibe; Möglichkeiten für studienbegleitendes Arbeiten – sei es zur Finanzierung desselben oder zur Berufsvorbereitung – seien kaum mehr gegeben bzw. führten sofort zu großen Verzögerungen in der Studiendauer und dasselbe gelte für Praktika – zumindest wenn im Studiengang nicht explizit ein Praxissemester vorgesehen sei. Die geforderten zusätzlichen Qualifikationen seien so kaum zu erwerben. Ganz abgesehen davon, dass in kurzer Zeit die Bachelorstudenten auf einen Arbeitsmarkt träfen, auf dem noch offen diskutiert wird, wie wichtig eigentlich eine Promotion als Voraussetzung sei. Noch die Wenigsten in Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen hätten sich wohl bisher darüber Gedanken gemacht, was eigentlich mit den Bachelorabsolventen zu tun sei (das betrifft im Übrigen wirtschaftswissenschaftliche Studiengänge ebenso).
So endete eine interessante Tagung doch mit einem großen Wermutstropfen. Eine Tagung, die hoffnungsvoll neue Perspektiven eröffnete, die aber auch die großen Probleme nicht verschwieg. Am Schluss stand der Appell, sich als Geisteswissenschaftler doch in größeren Interessenverbünden zusammenzuschließen, und der Deutsche Kulturrat erklärte auch sofort seine Bereitschaft, hier Unterstützungsarbeit zu leisten. Ob der Vielfältigkeit der geisteswissenschaftlichen Fächer und des gerade auf dieser Tagung wieder einmal deutlich gewordenen mannigfaltigen Arbeitsfeldes der Geisteswissenschaftler wird aber wohl nur die Zukunft weisen, ob so etwas gelingen und dann auch zielführend organisiert werden kann. Im Sinne einer verstärkten Lobby für diese Fächer wäre es wohl zu hoffen.
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Super, dass das hier mal thematisiert wird. Mit Sicherheit wichtig, an der Sache solltet Ihr dranbleiben. Ich kann mich erinnern, dass ich vor einigen Tagen in einem ähnlichen Blog zum gleichen Thema etwas gelesen habe.