Archiv für September 2007

Tagung: Kultur als Arbeitsfeld und Arbeitsmarkt für Geisteswissenschaftler II

Nachdem es schon gestern einiges an durchaus interessanten Vorträgen und Diskussionen zu hören gab, wurde heute die Tagung „Kultur als Arbeitsfeld und Arbeitsmarkt für Geisteswissenschaftler“ mit vier Referaten fortgesetzt, die sich nicht so ganz einfach unter eine inhaltliche Überschrift setzen ließen. Am ehesten dazu geeignet wäre vielleicht noch der Titel der Abschlussdiskussion „Ausbildung von Geisteswissenschaftlern und der Arbeitsmarkt Kultur – zwei getrennte Welten“ (Ich für meinen Teil hätte hinter diese Aussage – anders als im Tagungsprogramm geschehen – wohl zumindest noch ein Fragezeichen platziert).

Zunächst aber stellte Dr. Karin Drda-Kühn, Vorstandsvorsitzende des Vereins für Kultur und Arbeit e.V., Mainz (Träger des kulturellen Serviceportals www.vertikult.de) eine Reihe anhand des Serviceportals gewonnene empirische Daten zum Arbeitsmarkt für Geisteswissenschaftler vor. So konstatierte sie, dass sich im öffentlichen Dienst Arbeitsplätze für Geisteswissenschaftler kaum vermehren und zumeist auch nur befristet besetzt werden. Neue Arbeitsplätze entstünden dagegen vor allem in privatwirtschaftlichen Unternehmen der Kulturwirtschaft. Arbeitsfelder der Zukunft seien hier insbesondere der Kulturtourismus, Kultur und Alter, kulturelle Bildung bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund, Personalentwicklung, Medienwirtschaft, Wissensmanagement, Wissens- kommunikation usw. Nach den Ausschreibungstexten zu urteilen beinhalten die Anforderungen der Unternehmen an Geisteswissenschaftler zunächst eine gute akademische Fachqualifikation als Grundlage und Voraussetzung sowie weitergehende Kompetenzen. Zu nennen wären hier Projekt- und Finanzmanagement, Presse-/Öffentlichkeitsarbeit, weitere Sprachkenntnisse über Englisch hinaus, unternehmerische Sensibilität/Kenntnisse, Mobilität, Kenntnisse in den Informationstechnologien, Kenntnisse in Fördermittelbeschaffung/ Drittmittelaquise/ Fundraisung – alles in allem „kann das kein junger Mensch auf einmal mitbringen – zumindest nicht auf einem einigermaßen qualitätvollem Niveau. Drda-Kühn fordert allerdings, dass die Hochschulen diese herausdestillierten Anforderungen zumindest reflektieren und ihnen in einem wie auch immer gearteten integrativen Ansatz versuchen in ihrer Lehre zu entsprechen. …

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Tagung: Kultur als Arbeitsfeld und Arbeitsmarkt für Geisteswissenschaftler I

Heute und morgen nutze ich einmal wieder die Gelegenheit während des Praktikums von Melli in Berlin kostenlos übernachten zu können. Konkret besuche ich die von Deutschem Kulturrat, Gerda-Henkel-Stiftung und dem Kulturbüro der EKD ausgerichtete Tagung „Kultur als Arbeitsfeld und Arbeitsmarkt für Geisteswissenschaftler“ – also eine Thematik, die für mich so fern ja jetzt nicht liegt. Wie der Titel schon sagt, ging es in erster Linie darum, Arbeitsperspektiven für Geisteswissenschaftler (und die Voraussetzungen für die Wahrnehmung solcher) vorzustellen und zu diskutieren. Wie aktuell diese Fragen sind, lässt sich dabei leicht an der die Marke von 300 Personen streifenden Teilnehmerzahl ablesen.

Bevor man aber so richtig „medias in res“ zur Sache kam, führte Bundesbildungsministerin Schavan einige Überlegungen zur Stellung der Geisteswissenschaften in der bundesdeutschen Universitätslandschaft aus – die Veranstaltung fand nämlich im Rahmen des vom BMBF ausgerufenen Jahres der Geisteswissenschaften (ich habe hier schon einmal darüber geschrieben) statt. Schavan betonte die Wichtigkeit umfassender geisteswissenschaftlicher Bildung, denn „Aus einem gebildeten Menschen wird leicht ein Spezialist, aus einem Spezialisten aber nur schwer ein gebildeter Mensch“ und sah dementsprechend die zentrale gesellschaftliche Rolle der Geisteswissenschaften in ihrer Bildungsfunktion. Der „homo universale“ (umfassend gebildeter italienischer Renaissancemensch) ist ihrer Ansicht nach auch und gerade heute für eine funktionierende Gesellschaft und vor allem in Bezug auf die durch breite Bildung ausgelösten kreativen Potentiale auch für die Ökonomie unentbehrlich. Der sonst in einem solchem Kontext immer wieder angeführte kritische und interpretierende Blick auf die Gesellschaft wurde von der Ministerin demgegenüber weniger intensiv betont, wenn auch implizit wohl durchaus mitgedacht. …

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Alessandro Pinzani: Jürgen Habermas

Vor Kurzem hat Alessandro Pinzani unter dem einfachen Titel „Jürgen Habermas“ ein Buch herausgegeben, das beansprucht „Gehalt und Werden des Habermas’schen Werkes“ in einfacher Sprache zusammenfassend auf 231 Seiten darzustellen (nachdem ich die Rezension in der SZ auf die Schnelle nicht online gefunden habe, hier der Text über Perlentaucher). Ähnlich wie bei Margot Berghaus’ Buch „Luhmann leicht gemacht“ kann man hier sicher schon auf die Kritiken warten, die dem Buch Oberflächlichkeit und zu geringe Differenzierung unterstellen. Zugegeben, vermutlich sind gewisse Vereinfachungen bei derartigen einführenden Zusammenschauen nicht zu vermeiden und ersetzen nicht die intensive und widerständige Lektüre der Originaltexte. In aller Regel erheben diese Bücher ja auch gar nicht einen solchen Anspruch. Zur Einführung allerdings, zu einer ersten Beschäftigung und um sich das jeweilige Denksystem als Ganzes einmal vor Augen zu führen, sind sie meines Erachtens unverzichtbar – und nur bei diesen Funktionen sollte dann auch die Kritik ansetzen. Im Übrigen ist es gar nicht so einfach, verständlich und komprimiert zu schreiben (merke ich bei meinen Texten auch immer wieder) – auch diese Leistung sollte also nicht zu gering gewürdigt werden.

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Mal was Witziges …

Ich hoffe die Hundebesitzer werden jetzt nicht kollektiv aufheulen. Aber ich finde das Folgende einfach lustig (gefunden hier)

Auszüge aus dem Tagebuch des Hundes

07:00 Uhr – Boah! Gassi gehen! Das mag ich am liebsten
08:00 Uhr – Boah! Fressi! Das mag ich am liebsten
09:30 Uhr – Boah! Eine Spazierfahrt! Das mag ich am liebsten
09:40 Uhr – Boah! Im Auto pennen! Das mag ich am liebsten
10:30 Uhr – Boah! Eine Spazierfahrt! Das mag ich am liebsten
11:30 Uhr – Boah! Heimkommen! Das mag ich am liebsten
12:00 Uhr – Boah! Die Kinder kommen! Das mag ich am liebsten
13:00 Uhr – Boah! Ab in den Garten! Das mag ich am liebsten
16:00 Uhr – Boah! Noch mehr Kinder! Das mag ich am liebsten
17:00 Uhr – Boah! Fressi! Das mag ich am liebsten!
18:00 Uhr – Boah! Mein Herrchen! Das mag ich am liebsten!
19:00 Uhr – Boah! Stöckchen holen! Das mag ich am liebsten
21:30 Uhr – Boah! In Frauchens Bett schlafen! Das mag ich am liebsten!

Auszüge aus dem Tagebuch der Katze

Tag 5.283 meiner Gefangenschaft.

Meine Wärter versuchen weiterhin mich mit kleinen Objekten an Schnüren zu locken und zu reizen. Ich habe beobachtet wie sie sich den Bauch mit frischem Fleisch voll schlagen, während sie mir nur zerstampfte gekochte Reste von toten Tieren mit kaum definierbarem Gemüse vorsetzen. Die einzige Hoffnung die mir bleibt, ist die einer baldigen Flucht. Währenddessen erlange ich Genugtuung in dem ich das eine oder andere Möbelstück zerkratze. Morgen werde ich mal wieder eine Zimmerpflanze fressen. Heute habe ich es beinahe geschafft, einen Wärter durch schleichen zwischen den Beinen zu Fall zu bringen und ihn dadurch zu töten. Ich muss einen günstigen Moment abpassen, zum Beispiel wenn er sich auf der Treppe befindet. Um meine Anwesenheit abstoßender zu gestalten, zwang ich Halbverdautes wieder aus meinem Magen auf einen Polstersessel. Das nächste Mal ist das Bett dran. Mein Plan, ihnen durch den geköpften Körper einer Maus Angst vor meinen mörderischen Fähigkeiten einzuflößen ist auch gescheitert. Sie haben mich nur gelobt und mir Milchdrops gegeben. Was wiederum gut ist, weil mir davon schlecht wird. Heute waren viele ihrer Komplizen da. Ich wurde für die Dauer deren Anwesenheit in Einzelhaft gesperrt. Ich konnte hören, wie sie lachten und aßen. Ich hörte, dass ich wegen einer “Allergie” eingesperrt wurde. Ich muss lernen, wie ich diese Technik perfektionieren und zu meinem Vorteil nutzen kann. Die anderen Gefangen sind Weicheier und wahrscheinlich Informanten. Der Hund wird oft frei gelassen, kommt aber immer wieder freudestrahlend zurück. Er ist offensichtlich nicht ganz dicht. Der Vogel dagegen ist garantiert ein Spion. Er spricht oft und viel mit den Wärtern. Ich glaube, dass er mich genauestens beobachtet und jeden meiner Schritte meldet. Da er sich in einem Stahlverschlag befindet, kann ich nicht an ihn ran. Aber ich habe Zeit.

Mein Tag wird kommen….

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Lebenswege (oder einfach: Aufnahme ins Noviziat)

Am Samstag ist eine Bekannte von mir ins Noviziat bei der Congregatio Jesu, besser bekannt als Maria-Ward-Schwestern, aufgenommen worden – eine sehr schlichte aber trotzdem stimmungsvolle Feier, als deren Höhepunkt sich die angehende Novizin und der Orden (in Person der Provinzialoberin) versprachen, es miteinander versuchen zu wollen. Das Noviziat ist ja so etwas wie eine Probezeit für das Ordensleben und bei weitem nicht die erste. Meine Bekannte z.B. hatte schon lange Kontakt zum Orden und hat teilweise schon im Ordenshaus mitgelebt, bevor sie dann in einer intensiven Zeit des Nachdenkens und Kennenlernens – dem Postulat – noch einmal in sich ging, ob das Einschlagen dieses Lebensweges denn das Richtige für sie sei. Und all diese Probezeiten sind wohl durchaus nicht nur zur Prüfung für die angehende Schwester sondern auch für den Orden zu verstehen – Passt die Anwärterin zu uns, kann sie sich auf unsere Spiritualität einlassen, können wir ihr das geben, was sie sucht? Dass die allermeisten Orden diese Zeit der gegenseitigen Prüfung sehr ernst nehmen, sieht man denn auch daran, dass es auch in Zeiten der großen Nachwuchssorgen immer wieder Situationen gibt, wo Kandidatinnen und Kandidaten abgelehnt werden.

Geht man einen solchen Weg, dann hat man sich das also in der Regel sehr genau überlegt. Und gerade weil ich selber einen anderen Lebensweg gewählt habe – einen der in unserer Gesellschaft wohl eher als der „normale“ bezeichnet werden würde – finde ich diese Entscheidung eine sehr mutige – eine Entscheidung, die in ihren Konsequenzen wohl noch so manche Herausforderungen bereithält, die sicher nicht immer ohne Zweifel ist (aber welche Entscheidung ist das schon?), die in der Möglichkeit einer ganz eigenen Gottesbeziehung aber vielleicht auch viel Reichtum bereit hält. Zumindest hoffe ich das und wünsche meiner Bekannten sehr, dass sich ihr eingeschlagener Weg als der für sie richtige erweist (oder aber im anderen Fall den Mut, den eine Umentscheidung dann braucht).

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Solidarität und Toleranz

Es ist mal wieder ein schönes Beispiel, wie schnell die Zeit vergehen kann, wenn sie gut ausgefüllt ist. Kaum bin ich am Montagmorgen Richtung Forum Sozialethik aufgebrochen, war es denn auch schon wieder vorbei – zwei Tage mit zumeist spannenden Vorträgen, Diskussionen und – für mich fast das Interessanteste – dem Kennenlernen einer ganzen Reihe von Menschen, die sich im deutschsprachigen Raum im Bereich der Sozialethik tummeln. Dafür bietet das Forum als Treffen junger Sozialethiker wirklich einen mehr als angenehmen und von negativen Attitüden freien Rahmen.

Inhaltlich hat die Tagung gezeigt, dass es so etwas wie ein klares und eindeutiges Verständnis der Begriffe Toleranz und Solidarität nicht gibt – weshalb auch am Ende der Tagung nicht versucht wurde mit Gewalt quasi einen Minimalkonsens herzustellen. Das ist bei solchen Begrifflichkeiten wohl auch weder möglich noch sinnvoll, wenn man nicht in inhaltsleeren und der Beliebigkeit Tür und Tor öffnenden Kurzdefinitionen landen will. Für mich stellt sich die ganze Sache in einem ersten Nachdenken (sicher unvollständig und auch reichlich unsystematisch) nach der Tagung wohl ungefähr so dar:

Da haben wir zum einen die Solidarität … (weiter hier)

Forum Sozialethik – Solidarität und Toleranz

Morgen werde ich in die Kommende Dortmund zum Forum Sozialethik fahren. Die Tagung steht dieses Jahr unter dem Titel „Solidarität ist die Chance der Toleranz“ (Z. Baumann)? Sozialethische Reflexionen zu Solidarität und Toleranz.

Spontan assoziiert würde ich im ersten Moment sagen, Toleranz ist die Grundlage für Solidarität, denn nur wenn man andere toleriert kann man sich auch mit ihnen solidarisieren. Was aber, wenn wie in unseren modernen Gesellschaften Solidarität zum guten Teil institutionalisiert ist? Toleranz wird dann durch gesellschaftlichen Konsens bestimmt – über die Frage wer gehört zur Gesellschaft und wer nicht? Und damit auch, mit wem man solidarisch ist/sein will. Es stellt sich dann natürlich die Frage, von welcher Gesellschaft die Rede ist und was man denn eigentlich unter Solidarität versteht? Geht es um die Solidarität in der Familie, im Freundeskreis, im Ort, in der Nation, in der Weltgesellschaft … ? Meint Solidarität das Eintreten für benachteiligte Andere innerhalb einer bestimmten Personengruppe oder ist sie universal zu verstehen? Ist Solidarität eine Haltung, die vor allem in der Personengruppe oder Gesellschaft, der man sich selbst zugehörig fühlt zum Tragen kommt (z.B. Klassensolidarität) oder eine Einstellung, die insbesondere und vor allem auf in welcher Form auch immer Benachteiligte gerichtet ist (etwa im Sinne einer christlichen „Option für die Armen“)?

Spannende Fragen und vermutlich nicht die einzigen, die man bezüglich dieses Begriffspaares stellen kann. Von daher bin ich auf den Verlauf der Tagung echt gespannt.
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Die RAF, Kinkel und der islamistische Terror

Dieser Eintrag entsteht auf der Fahrt im ICE von Berlin nach Bamberg. Nachdem ich schon seit Tagen vorhabe ein paar Zeilen über eine Podiumsdiskussion der Konrad-Adenauer-Stiftung zum Thema „30 Jahre danach. Erfahrungen und Lehren aus dem RAF-Terrorismus“ zu schreiben, nutzte ich jetzt die günstige Gelegenheit, die so eine Zugfahrt bietet.

Zu Gast auf dem Podium waren drei Personen, die im Lauf der 1970er und teilweise darüber hinaus in leitenden Positionen mit der Thematik RAF betraut waren. Namentlich hat es sich um Klaus Kinkel, damals Staatssekretär im Innenministerium und Präsident des BND, Eckart Wethebach und Hans Neusel, ebenfalls Staatssekretäre im Innenministerium gehandelt. Ich kann nicht verhehlen, dass ich die Erzählungen der ehemaligen Beamten und Politiker aus dem Nähkästchen wirklich spannend und sehr informativ fand (Kinkel hat ja z.B. Verhandlungen mit inhaftierten RAF-Tätern geführt). Die Problematiken und der Zugzwang, unter den die BRD in dieser Zeit, insbesondere im „Deutschen Herbst“ 1977 geriet, wurden so für einen Nachgeborenen, der ich in dieser Hinsicht nun mal bin, so richtig plastisch – Zitat Werthebach: „Der einzige Moment, wo die BRD als Staat von innen heraus in Gefahr war, war der Herbst 1977.“ Das blieb zwar insbesondere von Klaus Kinkel, der das ein bisschen hochgehängt fand, nicht unwidersprochen, macht aber die Dramatik der Situation in den Augen der Betroffenen deutlich.

Interessant fand ich auch die Diskussion um einen von Kinkel in seiner Dreikönigsrede von 1991 verwendeten Ausdruck: Er sprach von einer notwendigen „Versöhnung“ des Staates mit den RAF-Terroristen. Wertebach und insbesondere Neusel machten sehr deutlich, dass für sie diese Wortwahl auch nach 15 Jahren hoch problematisch ist, selbst wenn der Erfolg mit der Selbstauflösung der RAF 1998 Kinkel Recht gegeben haben mag. Neusel hierzu: „Gegenüber Menschen, die bombten, mordeten und viele verletzten ist für mich Versöhnung nicht möglich.“ Nicht dass ich für eine solche Einstellung kein Verständnis hätte – gerade bei jemanden wie Neusel, der selbst einmal beinahe Opfer eines Terroranschlags geworden ist. Andererseits sind Werthebach und Neusel Mitglieder einer Partei, die sich in ihrem Grundsatzprogramm definitiv auf das christliche Menschenbild bezieht. Einem Menschenbild, dem nach den neutestamentlichen Zeugnissen auch die Forderung nach Feindesliebe eingeschrieben ist. Ein Gebot, das sehr sperrig und schwierig, kaum umsetzbar, ja schier übermenschlich daherkommt – Situationen wie die gerade beschriebene machen es deutlich. Und dennoch, auch wenn wir Feindesliebe mit unseren menschlichen Fähigkeiten und Begrenztheiten (noch) nicht in allen Situationen wirklich leben und erreichen können, finde ich es doch schade, dass jemand, der sich auf ein christliches Menschenbild beruft, nicht zumindest die grundsätzliche Bereitschaft und Offenheit zur Versöhnung erkennen lässt. Im Bezug auf die RAF war damit ja keine Blauäugigkeit, keine Negierung des Geschehenen verbunden, sondern lediglich der Versuch der Entspannung und De-eskalierung eines Konflikts.

Am Ende regte die (hin und wieder von der Wortgewalt der Diskutanten leicht überforderte) Moderatorin an, sich einmal darüber auszutauschen, welche Lehren denn aus den Erfahrungen mit der RAF für den Umgang mit der heutigen terroristischen Gefahr gezogen werden könnten. Übereinstimmend (im Übrigen aber wesentlich weniger wortgewaltig wie zuvor) war das Podium der Meinung, dass (1) insbesondere bei der Frage nach dem „warum?“ und „wieso?“ der Entstehung der RAF und ihres (bisweilen nicht kleinen) Unterstützerkreises Fehler und Unzulänglichkeiten passiert seien, die trotz der wesentlich komplexerer Lage in Bezug auf den islamistischen Terror nicht wiederholt werden dürften, dass der Staat sich (2) nicht als erpressbar erweisen dürfe (was er in den 1970ern zweimal tat) und es dürfe (3) nicht dazu kommen, dass die sich aus der jedem zukommenden Menschenwürde ergebenden Freiheitsrechte der Bürger (!!!) gegen das Sicherheitsbedürfnis ausgespielt werden – die westeuropäische Tradition des freiheitlichen Rechtsstaates dürfe auf keinen Fall angetastet werden. All diese Punkte könnte ich genauso unterschreiben und finde super, dass sie genannt wurden, nur habe ich die Befürchtung, die wirklich kniffligen Fragen ergeben sich erst bei der konkreten Umsetzung dieser Forderungen. Sprich: Was heißt z.B. die Garantie der Freiheitsrechte in einer Bedrohungssituation? Wo werden die Befugnisse des Staates bei der Bedrohung der nationalen Sicherheit begrenzt? Wo die Freiheitsrechte (was zur Sicherheit des Allgemeinwohls an der ein oder andere Stelle ja vielleicht einmal erwogen werden muss)? Auf dieser Ebene wären sich die Podiumsteilnehmer untereinander und vielleicht auch mit mir wohl nicht mehr so ganz einig gewesen.

Nachtrag (05.09.2007): Wie nahe wir der Diskussion um diese Fragen stehen, zeigt die gestrige Verhaftung von drei terrorverdächtigen Islamisten, die nach Agenturmeldungen von heute früh wohl vermutlich Anschläge auf Ramstein und den Frankfurter Flughafen geplant haben. 

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Dies ist die Homepage von Sebastian Zink. Sie finden hier mein Weblog sowie weitere Informationen zu meinen wissenschaftlichen, beruflichen und ehrenamtlichen Tätigkeiten.

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