Gestern habe ich es seit ewigen Zeiten einmal wieder geschafft, in eine Sneak Preview zu gehen – ich finde, es hat schon was, sich filmtechnisch überraschen zu lassen. Wir waren also gespannt und ließen die Filmvorschau von Resident evil, 28 weeks later und terror planet über uns ergehen. Doch letztendlich gezeigt wurde dann tatsächlich kein Zombiestreifen, sondern – „Die letzte Legion“. Fazit: Es hätte schlimmer kommen können.
Zur Story: Im Jahr 470 wird Romulus Augustulus zum letzten römischen Kaiser gekrönt und kurz darauf vom germanischen Heerführer Odoaker abgesetzt (dieser war im Übrigen nicht wie im Film behauptet Gote, sondern Sohn eines Hunnen und einer Skirin). Romulus wird von Odoaker aber nicht ermordet sondern nur nach Capri verbannt (historisch richtiger: auf ein Gut bei Neapel). Dort kommt er mit Hilfe des weisen Lehrers Ambrosinus einer Prophezeiung auf die Spur, wird von Getreuen befreit und flieht mit diesen nach Britannien, wo sich angeblich noch eine letzte römische Legion halten soll (spätestens hier wird es historisch kreativ).
Ohne zuviel zu verraten: Der Film lässt kein gängiges Klischee über Historienfilme aus, ist aber trotzdem oder vielleicht gerade deshalb lustig und halbwegs spannend anzusehen. Unter historischen Gesichtspunkten muss man den Film letztendlich als eine ganz große Katastrophe bezeichnen, in dem von der Story, über einschlägige Fakten und auch die Darstellung der Lebenswelt (eine mehrtürmige Burg mit Mauerring gab es z.B. meines Wissens im Britannien des 5. Jh. dann doch noch nicht) nur wenig als realistisch angesehen werden kann – aber immerhin: man war kreativ. So ist der Film für alle, die eine schöne Abendunterhaltung suchen und sich nicht an einer verqueren historischen Darstellung stören durchaus sehenswert.
Was mich allerdings etwas bedenklich stimmt: Der historisch halbwegs gebildete erkennt natürlich das offensichtlich große und bei einem solchen Film wohl auch zu erwartende kreative Potential von Drehbuchautor und Regisseur. Wenn man allerdings weiß, wie stark unsere Vorstellung von Vergangenheit durch Bilder und durch vielleicht sogar emotional mitreißende narrative Präsentationen geprägt wird, dann wird an diesem Film deutlich, wie stark verfälschend derartige Historienschinken auf die Vergangenheitskonstrukte (und damit auf die Identitätsbildung) einigermaßen unbedarften Zuschauer und auf unser kulturelles Gedächtnis allgemein einwirken können. Ohne den Teufel jetzt zu sehr an die Wand malen zu wollen, aber insbesondere problematisch empfinde ich hier die Einebnung historischer Differenz zugunsten einer massenwirksamen Story. Die Charaktere tragen dann zwar historische Gewänder und spielen in historischer Kulisse, ihre Denkmuster, ihre Vorstellungen und ihre Handlungen aber sind eigentlich die von Menschen des 21. Jahrhunderts und nicht die der Menschen aus der jeweiligen Epoche. Differenzerfahrungen wie sie die Beschäftigung mit der Geschichte liefern kann und mit welchen in unserer zunehmend durch kulturelle Vermischung geprägten Gegenwart gelernt werden muss umzugehen gehen dabei verloren.
Dabei verliere ich natürlich nicht aus den Augen, dass es gerade für die Identitätsgewinnung wichtig und sinnvoll sein kann Geschichten aus der Geschichte erzählt zu bekommen – Geschichten (Mythen), die auch nicht immer der historischen Wirklichkeit (was immer das ist und ob wir sie überhaupt in Gänze erfassen können) entsprechen müssen, die aber ein Identifikationsangebot an den Hörenden/Lesenden beinhalten und zur Bewältigung/Deutung seiner Gegenwart beitragen können. Dazu mehr aber hier. Ob für einen solchen Anspruch die Story in „Die letzte Legion“ allerdings tiefgründig genug ist, wage ich zu bezweifeln. Durch das Retouchieren von Differenzerfahrungen gibt sie – wie gezeigt – schon einmal auf eine der wichtigen Herausforderungen der Gegenwart eben keine Antwort.
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