“Jahr der Geisteswissenschaften”

22 08 2007

Wir befinden uns aktuell also im “Jahr der Geisteswissenschaften“. Ich habe immerhin acht Monate gebraucht, um das mitzubekommen, aber vielleicht war ich ja einfach von Blindheit geschlagen und hab deshalb die entsprechende ausufernde Werbeoffensive einfach irgendwie übersehen.

Ich finde solche “Jahre” ja grundsätzlich etwas ambivalent (einerseits will man damit auf etwas aufmerksam machen, andererseits ist es mit der Aufmerksamkeit auch schnell wieder vorbei weil ja ein neues “Jahr” anbricht) aber es wirft doch schon ein sehr schräges Bild auf den Stellenwert eben dieser Geisteswissenschaften bei Bildungspolitikern, wenn man dann mitten im “Geisteswissenschaftsjahr” lesen muss, dass in der Zeit zwischen 1995 und 2005 663 Lehrstühle in den Sprach- und Kulturwissenschaften nicht mehr besetzt wurden – ein Rückgang von sage und schreibe 11,6 Prozent. Interessant ist in diesem Kontext auch eine Pressemitteilung des bayerischen Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst von gestern zur Studie Bildungsmonitor – ein Auszug:

Bayern setzt einen klaren Schwerpunkt auf den weiteren Ausbau der Ingenieur- und Naturwissenschaften. Dies teilte Bayerns Wissenschaftsminister Thomas Goppel mit Blick auf den am Dienstag vorgestellten „Bildungsmonitor 2007″ mit. Zugleich hob der Minister die Feststellungen des Berichts zur Leistungsfähigkeit des bayerischen Hochschul- und Bildungssystems hervor. Die Aussagen des Berichts zum Bedarf der bayerischen Wirtschaft nach sog. MINT-Absolventen führte Goppel im Wesentlichen auf die starke Wirtschaftskraft und damit auf die starke Nachfrage nach Fachkräften zurück. Bayern habe gegen den Bundestrend in den vergangenen zehn Jahren die Professuren in den Ingenieurwissenschaften an den Universitäten um 8,7 Prozent (Bundesschnitt: Abbau um 13,3 Prozent) und an den Fachhochschulen um 14,3 Prozent (Bundesschnitt: Abbau um 3 Prozent) ausgebaut. Diesen Weg werde Bayern konsequent fortsetzen und beim Ausbau des Studienangebots für die in den kommenden Jahren steigenden Studierendenzahlen bei den Ingenieur- und Naturwissenschaften „einen klaren Schwerpunkt setzen”, so der Minister.

Es sieht also so aus, als ob ich mich in der Wahl meines Studiums gründlich vertan hätte. Und dabei habe ich eigentlich gedacht, dass doch auch Geisteswissenschaften für unsere Gesellschaft wichtig wären. Wichtig

  • um die Grundlage zu schaffen für die Orientierung eines jeden einzelnen in der ihn umgebenden Welt und für die Bewusstwerdung der eigenen kulturellen Identität (eine unverzichtbare Grundlage für den interkulturellen Umgang miteinander in einer sich immer stärker globalisierenden Welt)
  • um zu Kritik- und Urteilsvermögen zu befähigen – wichtige Voraussetzung für eigenständiges, innovatives und kreatives Denken, für politische Partizipation und berufliche Flexibilität
  • um gesellschaftliche Entwicklungen zu beobachten, produktiv mitzugestalten und voranzutreiben in der Bereitstellung einer Plattform und der Befähigung zu einem Diskurs über Ziele dieser Entwicklung und die Methoden der Erreichung dieser (konsensualen oder partikularen) Ziele

Kurzum, die Geisteswissenschaften fördern die Reflexionsfähigkeit und die geistige Emanzipation des Menschen – die unaufgebbare Grundlage unserer modernen Demokratie. Das klingt etwas pathetisch, ist aber so (wobei ich keinen Anspruch auf Vollständigkeit der Argumente pro Geistenwissenschaften erhebe – interessante Beiträge zu dieser Frage finden sich hier).

Ein massiver Abbau geisteswissenschaftlicher Lehrstühle und eine einseitige Schwerpunktsetzung auf Ingenieur- und Naturwissenschaften dürfte also eigentlich gerade aus Sicht der Politik unverständlich sein und gesellschaftlich sinnvoll ist er garantiert nicht. Aber vielleicht wird ja im und nach dem “Jahr der Geisteswissenschaften” alles besser.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Das soll jetzt keine Breitseite gegen die Ingenieur- und Naturwissenschaften sein – auch diese sind wichtig. Aber halt – was lese ich gerade? Auch deren Lehrstühle wurden, zumindest im gesamtdeutschen Kontext, trotz allgemein steigender Studierendenzahl (gilt übrigens insbesondere für Geisteswissenschaften, Ingenieurwissenschaften haben ein Studierendenproblem) verringert. Na dann …

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Projekte im Fach Geschichte

15 08 2007

Schon vor meinem Urlaub bin ich bei H-Soz-u-Kult auf die Rezension des Sammelbandes von Simone Lässig und Karl Heinrich Pohl “Projekte im Fach Geschichte. Historisches Forschen und Entdecken in Schule und Hochschule, Schwalbach 2007″ gestoßen. Mittlerweile ist es per Fernleihe auf meinem Schreibtisch gelandet und ich habe ein bisschen hineingelesen.

Das Buch versucht die theoretischen Vorteile der Projektmethode mit den Bedingungen des Unterrichts in Regelschule und Universität zusammenzubringen – und das, obwohl die Herausgeber in ihrem Vorwort feststellen, dass sich der Ansatz der Projektmethode mit den aktuellen schulischen und universitären Rahmenbedingungen in Deutschland eigentlich nicht vereinbaren lässt. Wie dies dennoch gelingen kann (zumeist unter starker Reduzierung des bei der Projektmethode eigentlich intendierten Prinzips der Selbstbestimmung) wird dann im Folgenden unter verschiedensten Perspektiven beleuchtet (ausführlich hierzu die oben genannte Rezension).

Schade finde ich persönlich an diesem ansonsten wirklich spannenden Buch, dass hierbei auf die Möglichkeiten, die die sog. “Neuen Medien” im Rahmen von Projekten bieten, nur wenig eingegangen wird. Das mag damit zusammenhängen, dass ein größerer Teil des Sammelbandes auf eine Sektion des Historikertages 2004 in Kiel zurückgeht (was allerdings auch nur das Fehlen von Web 2.0 Applikationen erklären würde, nicht aber die mangelnde Wahrnehmung der Möglichkeiten von Internet und Computernetzwerken bzw. virtuellen Plattformen an sich). Zur Arbeit mit Wikis habe ich ja hier, wenn auch mit etwas anderer Zielrichtung schon einmal etwas geschrieben. Ganz neu ist mir aber das Tool timeline über den Weg gelaufen, mit dem es möglich ist, individuelle Zeitleisten zu erstellen und z.B. in einen Blog zu integrieren – eine sehr spannende Möglichkeit, deren Erprobung im schulischen Kontext, vielleicht gerade innerhalb eines Projektes (das ich hier einmal ähnlich wie Lässig/Pohl mit praxisbedingten Abstrichen von einer idealtypischen Definition verstehe) unbedingt einmal erprobt werden sollte.

Erwähnenswert finde ich bei aller verständlichen – auch von mir bisweilen geteilten – Euphorie insbesondere in den Didaktiken und der Lehrerausbildung über die Anwendung der (abgewandelten) Projektmethode im schulischen Kontext (an der “Praxisfront” stehende Lehrer waren da ja schon immer skeptischer/kritischer) auch noch einen weiterer Hinweis der Herausgeber: Nach neueren Untersuchungen fördern offene Lernarrangements wie eben die Projektmethode insbesondere aktive, leistungsstarke und besonders fähige Schüler, während “schwächere” (inaktive, schüchterne, leistungsschwächere) Schüler sich in festeren, straffer strukturieren Unterrichtsformen um einiges leichter tun und von diesem mehr profitieren. Nimmt man eine Fragestellung wie die nach Bildungsgerechtigkeit hinzu, darf dieser Aspekt nicht aus den Augen verloren gehen und mahnt, auch Projektarbeit nicht als pädagogisches Allheilmittel zu sehen, sondern im Blick zu behalten, dass auch diese einer spezifischen (individuellen) Förderung und Vorbereitung im Vorfeld bedarf, damit alle Lerner in ähnlichem Maß von solchen offenen Lernangeboten profitieren können.





Blogumstrukturierung und dann “auf in die Ferien”

4 08 2007

Wer meinen Blog schon länger verfolgt, wird feststellen, dass ich heute einige Veränderungen daran vorgenommen habe. Mein Hauptblog wird zukünftig in erster Linie für kleinere Berichte und Reflexionen über meine Erlebnisse da sein. Längere Texte, die sich mit meinen wissenschaftlichen Interessen beschäftigen, werden in Zukunft in ihrer Gänze nur als Unterseiten der neuen Hauptseite “Sachthemen” erscheinen. Im Hauptblog sind dann nur noch die ersten Zeilen zusammen mit einem weiterführenden Link zu finden. Einen Überblick über die Themen erhält man durch die Aufgliederung des Inhalts der Homepage rechts in der Sidebar.

So, und nachdem das geschafft ist, kann ich jetzt beruhigt eine Woche in Urlaub gehen. Nach Frankreich – zuerst nach Reims und dann schauen wir mal, wo uns der Weg hinführt. Nachdem wir ein Zelt dabei haben, werden wir uns halt da einen Campingplatz suchen, wo es uns gefällt. Ach ja, wir sind meine Freundin und ich.

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