Wir befinden uns aktuell also im “Jahr der Geisteswissenschaften“. Ich habe immerhin acht Monate gebraucht, um das mitzubekommen, aber vielleicht war ich ja einfach von Blindheit geschlagen und hab deshalb die entsprechende ausufernde Werbeoffensive einfach irgendwie übersehen.
Ich finde solche “Jahre” ja grundsätzlich etwas ambivalent (einerseits will man damit auf etwas aufmerksam machen, andererseits ist es mit der Aufmerksamkeit auch schnell wieder vorbei weil ja ein neues “Jahr” anbricht) aber es wirft doch schon ein sehr schräges Bild auf den Stellenwert eben dieser Geisteswissenschaften bei Bildungspolitikern, wenn man dann mitten im “Geisteswissenschaftsjahr” lesen muss, dass in der Zeit zwischen 1995 und 2005 663 Lehrstühle in den Sprach- und Kulturwissenschaften nicht mehr besetzt wurden – ein Rückgang von sage und schreibe 11,6 Prozent. Interessant ist in diesem Kontext auch eine Pressemitteilung des bayerischen Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst von gestern zur Studie Bildungsmonitor – ein Auszug:
Bayern setzt einen klaren Schwerpunkt auf den weiteren Ausbau der Ingenieur- und Naturwissenschaften. Dies teilte Bayerns Wissenschaftsminister Thomas Goppel mit Blick auf den am Dienstag vorgestellten „Bildungsmonitor 2007″ mit. Zugleich hob der Minister die Feststellungen des Berichts zur Leistungsfähigkeit des bayerischen Hochschul- und Bildungssystems hervor. Die Aussagen des Berichts zum Bedarf der bayerischen Wirtschaft nach sog. MINT-Absolventen führte Goppel im Wesentlichen auf die starke Wirtschaftskraft und damit auf die starke Nachfrage nach Fachkräften zurück. Bayern habe gegen den Bundestrend in den vergangenen zehn Jahren die Professuren in den Ingenieurwissenschaften an den Universitäten um 8,7 Prozent (Bundesschnitt: Abbau um 13,3 Prozent) und an den Fachhochschulen um 14,3 Prozent (Bundesschnitt: Abbau um 3 Prozent) ausgebaut. Diesen Weg werde Bayern konsequent fortsetzen und beim Ausbau des Studienangebots für die in den kommenden Jahren steigenden Studierendenzahlen bei den Ingenieur- und Naturwissenschaften „einen klaren Schwerpunkt setzen”, so der Minister.Es sieht also so aus, als ob ich mich in der Wahl meines Studiums gründlich vertan hätte. Und dabei habe ich eigentlich gedacht, dass doch auch Geisteswissenschaften für unsere Gesellschaft wichtig wären. Wichtig
- um die Grundlage zu schaffen für die Orientierung eines jeden einzelnen in der ihn umgebenden Welt und für die Bewusstwerdung der eigenen kulturellen Identität (eine unverzichtbare Grundlage für den interkulturellen Umgang miteinander in einer sich immer stärker globalisierenden Welt)
- um zu Kritik- und Urteilsvermögen zu befähigen – wichtige Voraussetzung für eigenständiges, innovatives und kreatives Denken, für politische Partizipation und berufliche Flexibilität
- um gesellschaftliche Entwicklungen zu beobachten, produktiv mitzugestalten und voranzutreiben in der Bereitstellung einer Plattform und der Befähigung zu einem Diskurs über Ziele dieser Entwicklung und die Methoden der Erreichung dieser (konsensualen oder partikularen) Ziele
Kurzum, die Geisteswissenschaften fördern die Reflexionsfähigkeit und die geistige Emanzipation des Menschen – die unaufgebbare Grundlage unserer modernen Demokratie. Das klingt etwas pathetisch, ist aber so (wobei ich keinen Anspruch auf Vollständigkeit der Argumente pro Geistenwissenschaften erhebe – interessante Beiträge zu dieser Frage finden sich hier).
Ein massiver Abbau geisteswissenschaftlicher Lehrstühle und eine einseitige Schwerpunktsetzung auf Ingenieur- und Naturwissenschaften dürfte also eigentlich gerade aus Sicht der Politik unverständlich sein und gesellschaftlich sinnvoll ist er garantiert nicht. Aber vielleicht wird ja im und nach dem “Jahr der Geisteswissenschaften” alles besser.
Um nicht falsch verstanden zu werden: Das soll jetzt keine Breitseite gegen die Ingenieur- und Naturwissenschaften sein – auch diese sind wichtig. Aber halt – was lese ich gerade? Auch deren Lehrstühle wurden, zumindest im gesamtdeutschen Kontext, trotz allgemein steigender Studierendenzahl (gilt übrigens insbesondere für Geisteswissenschaften, Ingenieurwissenschaften haben ein Studierendenproblem) verringert. Na dann …
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